Die folgende Geschichte, die auch im Kinderschatzkalender "Gondolino" abgedruckt wurde, hat sich bestimmt schon in manchem Haushalt so oder so ähnlich zugetragen. Aber lesen Sie selbst!

 

Der kleine Zauberlehrling

Gestern war ein ereignisreicher Tag im Kindergarten. Endlich gab es mal Abwechslung. Wenn man schon zwei Jahre, beinahe jeden Tag, in den Kindergarten geht, kennt man sich ja aus. Stefan ist auch einer von diesen Jungs, die bestens Be­scheid wissen.
Da gibt es die Puppenecke mit dem Kasper Larifari und seiner Freundin Moni und ein böses Krokodil ist da natürlich auch. Selbst in der Spielecke kann man nicht mehr viel Neues entdecken. Die Holzeisenbahn ist abgegriffen und wird nur noch selten benutzt. Höchstens als Wurfgeschoß, aber auch nur, wenn Fräulein Annemarie gerade einmal nicht aufpasst.

Aber gestern war alles anders. Stefan, der kleine Wirbelwind, kam mit vor Aufregung noch gerötetem Gesicht in die Küche hi­neingestürzt und klärte seine Mama darüber auf, was er an die­sem Tag erlebt hatte.

"Mama, Mama, heute hat ein Zauberer eine Taube aus dem Hut gezaubert und ...", seine Stimme überschlug sich beinahe vor Begeisterung, "dann hat er Was­ser in eine Papiertüte geschüttet, die hinterher ganz trocken war. Das möchte ich auch einmal ausprobieren."

"Ja, ja, du großer Zauberkünstler, aber erst wird gegessen. Los, ab zum Händewaschen", erwiderte Stefans Mama halb dro­hend und halb im Scherz.

Die Fischstäbchen und der Kartoffelsalat waren diesmal besonders schnell verspeist und auf den Vanillepudding ver­zichtete Stefan ganz. Dann verschwand er auf sein Zimmer. Als sein Vater am späten Nachmittag die Haustür aufschloss, war es ganz ruhig. Das sonst übliche Begrüßungsgeschrei ent­fiel. Er beschloss, dem Geheimnis dieser merkwürdigen Ruhe auf die Spur zu kommen.

Nachdem er Schuhe und Mantel ausgezogen hatte, ging er auf leisen Sohlen in den ersten Stock. Und plötzlich hörte er dieses plätschernde Geräusch. Es kam aus dem Bad. Das Pläschern verstärkte sich und als er die Tür erreichte, erinnerte das Geräusch schon an einen rauschenden Wasserfall.

"Hallo, Papa!" begrüßte ihn sein Sohn eifrig. "Ich bin ein großer Zauberer, Simsalabim!" Stefan hatte einen Cowboy­hut aufgesetzt, in der linken Hand hielt er ein gefaltetes Etwas, das einmal eine Papiertüte gewesen sein musste, und in der rechten eine Fliegenklatsche, die ihm als Zauberstab diente. Der Wasserhahn war voll aufgedreht und das kühle Nass ergoss sich erst über das Papier und dann auf die Fließen. Von dort bahnte sich bereits ein kleines Rinnsal seinen Weg in das Treppenhaus.

Gott sei Dank brachte Stefans Mutti die Sache wieder in Ord­nung und der Papa konnte den Nachwuchskünstler davon über­zeugen, dass noch kein Zauberer vom Himmel gefallen ist.  Muttis sind manchmal eben genau so cool wie  Zauberer!

E N D E

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