Amerikas Südwesten – Jenseits der Träume

 

 

 

 

Schon ein erster flüchtiger Blick in einen x-beliebigen Reiseprospekt bestätigt, was wir längst vermutet haben: Die USA sind nach wie vor das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und der Superlative. Beispiel Las Vegas: Neun der zehn größten Hotels der Welt offerieren ihre Dienste an die Gäste aus aller Welt. Oder sind es mittlerweile gar 18 der 20 größten Luxusherbergen? Selbst die Chronisten sind sich uneins angesichts des Baubooms, der der Spielerstadt in der Wüste Nevadas Jahr für Jahr einen neuen, noch größeren, noch fantastischeren, noch teureren Themenpark beschert. Beispiel: Hooverdam. Der größte Staudamm der westlichen Hemisphäre, nur ein Steinwurf von Las Vegas entfernt. Beispiel: Grand Canyon. Die größte Schlucht der Welt, oft beschrieben und noch öfter fotografiert. Der Grand Canyon zählt nach wie vor zu den Highlights einer USA-Reise. Beispiel: „General Sherman Tree“, der größte Baum der Welt, zu bestaunen im Sequoia & Kings Canyon.

                                                                 

Was hier in ein paar Zeilen lässig hingeworfen wurde, kann allerdings nicht in einem in der Regel nur zwei Wochen dauernden Pauschalurlaub bewältigt werden. Wir benötigen für einen solche Reise zweierlei: Zeit und Geld. Erstere, weil eine klassische Tour mit einem Mietwagen etliche tausend Kilometer umfasst und zweiteres, weil Familien, die mit Kindern unterwegs sind, nur in den Ferien verreisen können und das macht die Sache teuer. Aber keine Angst. Es gibt durchaus Möglichkeiten, hier und da zu sparen. Man muss ja schließlich nicht jeden Tag sein müdes Haupt in einem Fünf-Sterne-Luxus-Hotel zur Ruhe betten. Halten Sie sich bei der Quartiersuche an die überaus nützlichen Couponhefte des „Traveler Coupon Guide“ oder des „Traveler Discount Guide“, die in vielen Fast-Food-Restaurants, z.B. bei Denny’s oder McDonalds und an Tankstellen aufliegen. Die aktuellen Internetadressen konnte ich zwar nicht in Erfahrung bringen, ich gehe aber davon aus, dass es nach wie vor Rabatte in irgendeiner Form geben wird. Im Einzelfall können Sie auf diese Art und Weise allein bei der Übernachtung schon mal 50% sparen. Und noch ein Rat an die Zaudernden: Sie kommen auch mit spärlichen Englischkenntnissen ganz gut über die Runden. Die Amerikaner sind extrem hilfsbereite Gastgeber und insbesondere den Besuchern aus „Good Old Germany“ äußerst gewogen. Den Satz „Can I help you?“ hört man hier an einem Tag häufiger als in Deutschland das ganze Jahr. Egal, ob Sie hilflos suchend in einem Supermarkt nach Toastbrot Ausschau halten, gerade kein Kleingeld für die Parkuhr haben oder einfach nur gemeinsam mit ihren Lieben auf einem Foto abgelichtet werden wollen. Die Amerikaner helfen Ihnen in jeder Lebenslage.

Als Ausgangsort Ihrer Traumreise durch den Südwesten bieten sich mehrere Möglichkeiten an: San Francisco (neuerdings ist ein Citypass im Visitor Center erhältlich, mit dem umfangreiche Rabatte verbunden sind!), Los Angeles oder San Diego, also die Destinationen am Pazifik, sind ideal, um eine Entdeckungsreise zu gewaltigen Naturdenkmälern oder fantastischen Traumstädten zu starten. Wer den Moloch Los Angeles scheut, sollte es einmal mit San Diego versuchen. Die südlichste Großstadt der USA, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Mexiko gelegen, ist zwar mittlerweile zu einer Millionenmetropole herangewachsen, sie hat sich aber trotzdem den kleinstädtischen Charme vergangener Tage bewahrt. San Diego wurde 1769 von den Spaniern gegründet und es ist daher kein Wunder, dass viele Gebäude im spanisch-mexikanischen Stil errichtet wurden. Ein schönes Beispiel dieser Bauart findet man im Balboa-Park, dessen Mittelpunkt der 65 Meter hohe California-Turm ist. Aber auch wer einkaufen will, ist in San Diego richtig. Die Horton Plaza Shopping Mall lässt jedes Käuferherz höher schlagen. Bekannt geworden ist die südkalifornische Metropole aber vor allem durch den grandiosen Wasser-Freizeitpark „Sea World“, der Heimat von „Shamu“, dem Killerwal. Auf dem 55 Hektar großen Gelände finden täglich mehrere Shows statt. Wer kann, sollte den Park erst Anfang September besuchen. Dann sind die Ferien in den USA zu Ende und Wartezeiten ein Fremdwort, so dass Sie die unglaublichen Kunststücke von Shamu und seinen Freunden gleich in Serie  genießen können. Aber Vorsicht: Ein Platz in den ersten Sitzreihen sollte gemieden werden, es könnte nass werden! Neben dem Orca und seinen Artgenossen warten auch noch Delfine und, ebenfalls ein Leckerbissen der Extraklasse: Seamore und Clyde, zwei Seehunde, die mit ihren Betreuerinnen ein Spektakel bieten, das die Lachmuskeln an die Grenze ihrer Belastbarkeit zwingt. Ein unvergessliches Erlebnis!

San Diego ist überhaupt eine Stadt, die ein Herz für Tiere hat. Ebenfalls sehr empfehlenswert ist ein Besuch des San Diego Zoo, Heimstatt von 4000 Tieren, die in Gehegen leben, die weitgehend der natürlichen Umgebung ihrer Bewohner entsprechen. Man fühlt sich daher fast in die freie Wildbahn versetzt, obwohl man doch „nur“ in einem Zoo ist. Die Stars sind die großen Pandabären, aber nicht nur sie sind es, die einen Abstecher in einen der besten Tierparks der Welt lohnend machen. Noch mehr Tiere gibt es im Wild Animal Park, ca. 50 km nördlich der City gelegen, zu sehen. Hier leben die Tiere in freier Wildbahn in einem etwa 890ha großen Naturschutzgebiet, dessen Flora und Fauna durchaus Ähnlichkeit mit jener in Afrika hat.

Für einen Aufenthalt in San Diego sollte man mindestens drei Tage einplanen. Allein die Besuche in den Freizeitparks wie Sea World oder Zoo sind zeitaufwendig. Daneben hat die siebtgrößte Stadt der USA aber noch viel mehr zu bieten: San Diego Bay, Misson Bay oder die Halbinsel Coronado, Namensgeberin für das gleichnamige Hotel del Coronado, in dem der Film „Manche mögen’s heiß“ gedreht wurde. Ein Abstecher in die Küstenvororte Mission Beach oder La Jolla ist für all diejenigen, die den Strand und das Meer lieben, ebenfalls obligatorisch.

Die ersten Tage in den USA sind ein toller Vorgeschmack auf das, was in den verbleibenden drei oder vier Wochen noch kommt. Von San Diego führt die Reise auf der Interstate 8 weiter über Phoenix und von dort nach Norden, in das eigentliche Herz des Südwestens, wo ein Nationalpark in den anderen mündet, wo jeder markante Felsen ein National Monument darstellt, wo so viele Eindrücke auf den Besucher niederprasseln, dass er am Ende nur fassungslos dasteht und allmählich zu der Erkenntnis kommt: Der liebe Gott muss ein Amerikaner sein! Oft sind es ja die kleinen, weniger bekannten Parks oder schlicht National Monuments genannt, die den Besucher in ihren Bann ziehen.

Ein Juwel dieser kleineren Art ist Montezuma Castle, ca. 24km südlich von Sedona. Bei dem Castle handelt es sich um ein fünfstöckiges Haus, das 30m über dem Fluss in einer natürlichen Felsnische errichtet wurde. Ein Zugang zu dem 20 Räume umfassenden Komplex ist nicht möglich. Man gelangt zu ihm auf einem kurzen, hinter dem Visitor Center gelegenen Pfad.

Zwischen Flagstaff und Sedona erwartet den fernwehkranken Urlauber ein Schauplatz diverser Westernstreifen: Der „Oak Creek Canyon“. Die roten Felsen sind, ähnlich wie jene im Monument Valley, ausgiebig von Hollywoods Regisseuren gewürdigt worden. Und in der Tat finden sich hier grandiose Aussichtspunkte für die majestätischen Erosionsformationen. Eine weitere Attraktion, die den Oak Creek Canyon zu einem Erlebnis der besonderen Art macht, ist der „Slide Rock State Park“. Der Park, 8 Meilen nördlich von Sedona gelegen, war ursprünglich Farmland der Familie Pendley. Benannt ist er nach dem gleichnamigen extrem glitschigen Flussbett. Unerschrockene Besucher können die natürliche Wasserrutsche, bestehend aus mehreren kaskadenartig nach unten angeordneten Felsen, hinabgleiten. Unerschrocken deshalb, weil das Wasser wirklich eiskalt ist. Selbst im August, wenn sich die Außentemperatur jenseits der 30-Grad-Marke einpendelt, gehört eine gehörige Portion Mut dazu, die Kälte einfach zu ignorieren. Diejenigen, die sich überwinden, werden mit einem „geilen Ritt“ über die nackten Felsen belohnt. Blaue Flecken sind hier an der Tagesordnung. Aber wie gesagt: Den Mutigen gehört die Welt!

Flagstaff, auf deutsch „Flaggenmast“, ist die letzte Übernachtungsstation auf dem Weg zum Grand Canyon. Schon mancher Tourist, der im Sommer ohne Zimmerreservierung hier erschien, wusste das hervorragende Hotelangebot dieses Ortes, der etwa 35.000 Einwohner hat, zu schätzen.

Nach reichlich 150km Fahrt wartet endlich der Grand Canyon, vielleicht „das“ Landschaftswunder in den USA. Die größte Schlucht der Welt zieht Jahr für Jahr Millionen Besucher aus aller Welt mit ihrer Farbenpracht in ihren Bann. Zwei Tage Aufenthalt sollte man auch hier einkalkulieren.

Auch wenn der Grand Canyon sicher ein absoluter Höhepunkt einer Rundreise durch den Südwesten ist, bedeutet dies nicht, dass Ihre Fotoausrüstung nun Pause hat. Im Gegenteil. Speziell in Utah reiht sich eine touristische Perle an die andere. Auf der Weiterfahrt Richtung Norden orientieren wir uns zunächst nach Cameron und erreichen schließlich nach einem Stopp in Kayenta das „Monument Valley“.

 

Ob Sie hier an die Marlboro-Reklame denken oder an die vielen Filme mit John Wayne. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um sich hineinzuversetzen in diese unvergleichliche Westernidylle. Schon Meilen vorher zeichnen sich die charakteristischen Kalksteinschlote am endlos blauen Horizont ab. Die Hollywoodproduzenten, die Monument Valley noch nie gesehen hatten, fragten sich damals, ob dieser Ort wirklich existiert. Sie charterten darauf hin ein Flugzeug und überzeugten sich vor Ort, dass Monument Valley der ideale Drehort für „Stagecoach“ wäre, ein Western, der 1938 mit John Wayne in der Hauptrolle gedreht wurde und den Auftakt einer ganzen Reihe von Filmen bildete, die folgen sollten. Bei all den unvergleichlichen Eindrücken, die Sie in Monument Valley sammeln, sollten Sie jedoch eines nicht vergessen: Dies ist das Land der Navajo-Indianer. Damals wollte der „Weiße Mann“ diesen Teil des Süd-Westens nicht haben, weil man ihn für öd und wertlos hielt. Heute empfinden alle Freude daran, die verschiedenartigsten Sandsteinformationen zu bestaunen, zu fotografieren und zu deuten. In Monument Valley überfällt einen zum zweiten Mal diese Demut, die wir schon beim Anblick des Grand Canyon verspürten. Und Demut ist ein guter Lebensbegleiter. Sie lässt uns nicht übermütig werden.

Bevor wir nun nach Monticello fahren, können wir uns am „Mexican Hat“ entscheiden, ob wir nicht einen Abstecher zum „Natural Bridges National Monument“ machen. Der „Mexican Hat“, eine bizarre Verwitterung in Form eines Sombrero, steht an der Abzweigung zur U 261. Nach einem kurzen Fotostopp fahren wir weiter geradeaus nach Norden und folgen schließlich der U 275 zu den Natural Bridges. Der Weg führt durch teilweise abenteuerliche Schotterstraßen, die sich über eine schmale Passstrasse hinaufschlängeln. Der Umweg lohnt sich, denn die Natur-Brücken liegen abseits vom großen Touristenrummel. Hier können Sie nach Lust und Laune Fotos schießen oder einfach nur die Ruhe genießen. Das National Monument besteht aus drei Brücken, die allein durch die Flusserosion entstanden sind. Im Gegensatz zu den Naturbögen, die man im Arches National Park antrifft, die durch Wind und Wetter geformt wurden. Die drei Brücken sind bequem mit dem Auto erreichbar, wie meistens bei den Amerikanern, denen lange Fußmärsche bekanntlich zuwider sind. Man fährt über den Bridge View Drive, der 14,5km lang ist. Ein kleiner Fußmarsch zu einer der Brücken ist vor allem dann lohnend, wenn man für seine Fotos die Sonne im Rücken haben will.

Von den Natural Bridges geht es dann wieder zurück in Richtung Monticello. Von dort sind es nur noch 90km auf der US 191 nach Moab. Der etwa 5.000 Einwohner zählende Ort, dessen wichtigster Wirtschaftsfaktor allein der Tourismus ist, liegt genial zwischen den zwei großartigen Nationalparks, dem Arches und Canyonlands. Auch der Colorado-River fließt sozusagen direkt vor der Haustür. Da Moab eine Fülle von Unterkunftsmöglichkeiten bietet, ist es ein idealer Ausgangsort für die Erkundung der Gegend.

 

Wir wollen uns hier ein wenig ausführlicher dem „Arches National Park“ widmen. Er weist die höchste Konzentration von Steinbögen in der ganzen Welt auf. Kein Wunder, dass hier auch Fotografen aus aller Herren Länder fast ebenso hochkonzentriert anzutreffen sind. Ein Blick durch den Sucher bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang versetzt den Beobachter in schieres Entzücken. Das Spiel der Farben, die sich mit dem Stand der Sonne verändern von blutrot bis ockerfarben, die majestätische Präsenz der Bögen und Felsformationen. All das versetzt uns in eine Art Trance, der man unendlich lange ausgeliefert sein möchte. Ein Geistes-Doping der Sinne, das dem Zustand der Schwerelosigkeit gleichen muss. Ein Dauerrausch ohne böses Erwachen, vor allem ohne Kater, vielmehr verbunden mit einem beharrlichen Rückkehrdrang und natürlich mit der bangen Frage: Habe ich auch genügend Filme eingepackt?

Kommen wir zu den Symbolen, den vielleicht am meisten fotografierten Objekten des Arches: Der „Landscape Arch“ (zu deutsch: Landschaftsbogen) erstreckt sich über die sagenhafte Länge von 93 Metern. Bevor man den Landscape Arch allerdings in seiner vollen Pracht bewundern kann, ist Ihre Kondition gefragt. Zum Devil’s Garden, in dem u.a. der Landscape liegt, führt ein 3km langer Pfad. Im August, wenn es schon mal über 40 Grad in der Sonne haben kann, sind daher gutes Schuhwerk und ausreichend Wasservorräte vonnöten! Alle Anstrengungen werden aber mehr als belohnt. Jeder Bogen ist wie ein Tor zu den eigenen Träumen. Der berühmteste von allen ist freilich der „Delicate Arch“. Um ihn zu sehen, ist noch mehr Ausdauer gefragt. Nach einem anstrengenden, etwa 2,5 km langen und steilen Marsch gelangt man zu einem Vorsprung, an dessen Rand der „delikate“ (oder zarte) Bogen hockt. Sein Standort ist so exponiert, dass man beinahe Angst hat, sich ihm zu nähern, könnte doch jede noch so leichte Erschütterung dafür sorgen, dass er von seinem Sockel stürzt. Dass das Unvorstellbare nicht passiert, dafür sorgen Parkranger. Sie halten allzu kletterfreudige Touristen davon ab, den Delicate mit einem x-beliebigen Ausflugsberg zu verwechseln. Stattdessen sollten Sie diesen einzigartigen Felsbogen nach Herzenslust fotografieren. Am besten etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang. Dann umschmeicheln die Farben dieses unvergleichliche Naturdenkmal am schönsten.

Neben den etwa 2.000 Bögen hat der Arches noch jede Menge Felsformationen zu bieten, z.B. den Balanced Rock (der balancierte Felsen), den man von der Parkstraße her gut sehen kann. Er scheint wirklich der Schwerkraft zu trotzen und der Vorbeifahrende fragt sich daher jeden Tag: Wann verliert er denn nun endlich das Gleichgewicht?

Für die Erkundung des Arches sollte man sich schon einen, besser zwei Tage, Zeit nehmen. Auge und Geist brauchen schließlich auch Erholungsphasen. Aber der Südwesten gönnt dem verwöhnten Gourmet-Touristen keine Ruhepausen. Allenfalls die schier endlosen schwarzen Asphaltbänder, die sich ihren Weg durch die grandiose Weite bahnen, sind so etwas wie Oasen der Langeweile. Für diese Fälle bleibt aber immer noch „The Big Sky“, dieses schon von Hollywood so oft bediente Klischee. Aber eines muss man den Zelluloidakrobaten lassen: Sie hatten durchaus ein Gespür für das Wesentliche.

 

Mit dem Arches lassen wir einen weiteren Höhepunkt unserer Reise hinter uns, gleichzeitig bewegen wir uns jetzt wieder nach Süden. „Capitol Reef National Park“ ist unser nächstes Ziel. Eilige Reisende durchqueren den Park auf der U 24. Auch hier gibt es phantastische Formationen zu bestaunen: Twin Rocks, Chimney Rock oder The Castle. All diese Namen sind Synonyme für zerklüftete Bergrücken, tief eingefräste Schluchten oder Gestein in allen Farben des Regenbogens. Der Park, der weit weniger populär ist als Zion und Bryce, aber deshalb nicht weniger sehenswert, hat vielleicht das Pech, zu nah an seinen berühmten Verwandten zu liegen. Das ist möglicherweise der Grund, weshalb sich viele Touristen im Capitol Reef nicht allzu lange aufhalten.

Nach einer Übernachtung in Torrey folgen wir weiter dem Highway 12 Richtung Boulder und gelangen über Escalante, das übrigens auch einen Sightseeingabstecher lohnen würde, zum Bryce Canyon. Während der Grand Canyon den geneigten Besucher mitunter ob seiner unglaublichen Größe erschlägt, ist der Bryce eher ein Kleinod. Mit 145km2 gehört er zu den kleinsten Nationalparks der USA. Gerade das ist aber auch ein Umstand, der diesen fast familiären Park so erfreulich „ergehbar“ und „erlebbar“ macht. Bekannt geworden ist der Bryce durch die Formen und Farben. Diese Farbenvielfalt, die sich in unzähligen Türmen, Zinnen oder filigransten Säulen wiederfindet, macht den Bryce zu einem einzigartigen Erlebnis. Für die bekannt gehfaulen Amerikaner mag es genügen, die knapp 30km lange Stichstraße (U 63) entlang zu fahren und an den Aussichtspunkten zu halten, um die obligatorischen Fotos zu schießen. Denselben Fehler sollten Sie jedoch auf keinen Fall begehen. Bryce Canyon muss erwandert werden. Ein Sonnenaufgang im Amphitheater oder am Sunrise Point beschert Ihnen unvergessliche Augenblicke. Die überirdische Farbenvielfalt, die einen eben noch zart rosa scheinenden Felsvorsprung in der nächsten Sekunde blutrot schimmern lässt, sucht ihresgleichen und ist nicht mehr zu toppen. Außer vielleicht durch einen zweiten Sonnenaufgang am nächsten Tag! Vom Amphitheater führt ein weit verzweigtes Netz an Wanderwegen durch eine wahre Märchenwelt. Die Natur hat hier mit ihren Werkzeugen die schillerndsten Figuren geschaffen. Wenn Sie genau hinhören, erzählen Sie Ihnen auch ihre Geschichten. Oder war es am Ende nur der Wind? In jedem Fall werden Sie nach dem Besuch im Bryce Canyon bezaubert sein von der Vielfalt, die der Südwesten der USA zu bieten hat.

 

Nachdem wir den Märchenfiguren des Bryce Canyon adieu gesagt haben, setzen wir unsere Reise fort. Unser nächstes Ziel ist der Zion National Park. Wir verlassen die U 12 und fahren auf der U 89 Richtung Süden und biegen schließlich in die U 9 ein, die geradewegs in den Zion führt.

Der Zion National Park ist ein weiteres Glanzlicht unter den Nationalparks im Südwesten. Die Entdeckung der Virgin River Narrows (Engen des Virginflusses) ist ein nasses, aber auch ein aufregendes Abenteuer. Gutes Schuhwerk ist Voraussetzung für den Trip durch die normalerweise ruhigen und nicht allzu hohen Fluten des Virgin River. Diese einzigartige Felsschlucht durch den Navajo-Sandstein hat ihren Ausgangspunkt beim Temple of Sinawava und erstreckt sich über insgesamt 19km (!) flussaufwärts. Sie sollten sich unbedingt im Visitor Center erkundigen, ob eine gefahrlose Durchquerung des Flussbettes möglich ist. Aufgrund der hier häufig wechselnden Witterung kann es mitunter zu bösen Überraschungen kommen und Sie finden sich plötzlich in einem reißenden brusthohen Gewässer wieder. Die beste Zeit für Erkundungen der Narrows ist von Ende Juni bis etwa Ende September. Wer jedoch die Anstrengungen einer solchen Wanderung nicht scheut, wird bei jedem Meter, der zurückgelegt wird, immer wieder aufs neue von den steil aufragenden Felswänden beeindruckt sein. Sie recken ihre Gipfel teilweise mehr als 650m in die Höhe und liegen an der engsten Stelle nur 6m auseinander.

Wasser spielt überhaupt eine zentrale Rolle im Zion. Eine weitere Wanderung, die auf der der Zion Lodge gegenüberliegenden Straßenseite beginnt, führt zu den Emerald Pools. Der etwa eineinhalb Stunden dauernde Spaziergang gewährt einen großartigen Einblick in die Arbeit des Architekten Natur. Von den Middle Pools haben Sie einen unvergleichlichen Blick auf die gegenüberliegende Canyonwand, die insbesondere am späten Nachmittag als Spiegel für die versinkende Sonne dient und ein Farbenschauspiel ohnegleichen bietet.

Weitere Fixpunkte bei der Erkundung des Zion sind Checkerboard Mesa, The Great White Throne oder The West Temple. Ziele, die Sie sich nicht entgehen lassen sollten. Auch für diesen Park ist wieder mindestens ein Tag einzuplanen, umso mehr, als sich die gestresste Fotografenseele dann ausruhen kann. Mit dem Zion endet vorerst die Reise durch die Naturwunder des Südwestens. Wir verlassen den Zion NP über Hurricane und biegen schließlich nach links in die Interstate 15 ein. Nach einem Zwischenstopp in St. George beginnt eine neue Zeitrechnung: In Utah galt die Mountain Time. Da wir von Utah nach Nevada wechseln, müssen wir unsere Uhren um eine Stunde zurückstellen.

Das heißt aber nicht, dass wir der Zeit hinterher hinken, ganz im Gegenteil, hier ist man selbiger weit voraus. Wir nähern uns jetzt nämlich einem Ort, an dem die Natur nicht mitgewirkt hat. Hier wurde alles von Menschenhand erschaffen: Las Vegas. Traumstadt, Zockerhochburg, größter Freizeitpark der Welt. Endlose Synonyme ließen sich finden für die Millionenstadt in der Wüste Nevadas, deren Ruhm einst von Bugsy Siegel begründet wurde. Wenn Sie keine Lust haben, extra nach New York zu düsen, nur um einmal die Freiheitsstatue zu sehen oder wem ein Kurztrip nach Venedig wegen des möglicherweise schlechten Wetters zu unkalkulierbar erscheint, dann bleibt nur eine Alternative: Die Glitzermetropole Vegas.

In diesem Konglomerat aus Disneyland, Kitsch und Moderne gibt es nichts was es nicht gibt. Sie können eine Achterbahnfahrt in 300m Höhe auf dem „Stratosphere Tower“ buchen oder selbiges Vergnügen bei einem waghalsigen Ride durch Manhattan (im Hotel „New York New York“) genießen. Wer’s nicht so aufregend liebt, steht atemlos vor dem Vulkan des „Mirage“, der alle 15 Minuten ausbricht und dessen gefährlich leuchtende Lava so gar nicht zu dem edlen Ambiente im Hintergrund passen mag. Nur ein paar Meter weiter hören Sie befremdlich klingenden Kanonendonner. Direkt an der Hauptstraße am Las Vegas Boulevard kapern wagemutige Piraten mehrmals täglich ein britisches Schiff. Dieses Spektakel ist direkt vor dem „Treasure Island“ zu bestaunen und gilt längst als Showklassiker in dieser an Events so zahlreicher Fun-City. Höhepunkt der Piraterie ist der Untergang der britischen Brigg, die wie von Zauberhand geführt nur eineinhalb Stunden später aus den Fluten wieder auftaucht. Die Kunstliebhaber kommen im „Bellagio“ auf ihre Kosten, wo Tycoon Steve Wynn seine Privatsammlung im Wert von etwa 280 Millionen Mark dem fassungslosen Besucher vorführt. Monet, Renoir, Van Gogh und ihre unsterblich gewordenen Kollegen geben sich hier die Ehre, passend dazu tanzen tausend Fontänen zu den Klängen italienischer Musik auf einem See, der ebenso künstlich geschaffen wurde wie all die anderen.

Las Vegas packt einen sofort. Man liebt diese Stadt oder man haßt sie. In jedem Fall muss man diesen brodelnden Vulkan, diese 24-Stunden-Show, dieses nicht enden wollende Spaßspektakel gesehen haben. Denn eines gibt es hier mit Sicherheit nicht: Langeweile!

 

Im krassen Gegensatz zur Welthauptstadt der Unterhaltung steht ein ebenfalls heißer Ort, fernab von jeglicher Zivilisation: Death Valley, das Tal des Todes. Hier können Sie tatsächlich das Spiegelei auf dem Boden braten, so heiß ist es hier. Ein Ort, der mitunter furchteinflößend sein kann und eine beinahe mystische Ausstrahlung hat. Von Las Vegas kommend fahren wir auf dem Highway 160 über Puhramp im Zickzack-Kurs auf dem Highway 372/178 nach Shoshone, jetzt haben wir übrigens die Staatsgrenze von Nevada nach Kalifornien passiert, und orientieren uns dann neuerlich nach Norden zu den Highlights der Wüste: Furnace Creek, Zabriskie Point, Dantes View, Devils Golf Course und Badwater. Die Badlands liegen 85m unter dem Meeresspiegel und gelten nach der libyschen Wüste als die zweitwärmste Stelle der Erde. Temperaturen über 45 Grad Celsius sind hier nicht ungewöhnlich und Sie sollten sich daher mit ausreichend Wasser eindecken. Nicht zu unterschätzen sind im Death Valley die Entfernungen und die Hinweise zu den Tankstellen sollten unbedingt ernst genommen werden. Wenn Sie sich nach den Karten, die im Visitor Center ausgegeben werden, orientieren, kann es Ihnen nämlich passieren, dass Sie eine Tankstelle anfahren, die längst geschlossen ist. Also: Rechtzeitig tanken und nicht warten bis der Pfeil im roten Bereich ist! Parkranger kontrollieren die Strecke zwar immer wieder, aber bedenken Sie, dass Sie sich in einer riesigen Wüste aufhalten. Wer die wenigen Ratschläge befolgt, wird die eigentümlichen Reize der Wüste noch leichter erkennen. Death Valley ist ein Ort von bizarrer Schönheit: Haushohe Kakteen bieten ebenso eindrucksvolle Motive wie salzhaltige Seen oder ockerfarbene Hänge.

Wir verlassen das Tal des Todes über dessen westlichen Ausgang und fahren über Panamint Springs, Keeler und Lone Pine nach Bishop, wo wir übernachten und uns von den Strapazen des Tages erholen. Obwohl wir in Bishop nur wenige Kilometer Luftlinie vom Sequoia und Kings Canyon entfernt sind, müssten wir einen Riesenumweg fahren, um die Mammutbäume im Sequoia National Park bestaunen zu können. Wir empfehlen daher die Route in den Norden nach Lee Vining. Hier ist die Ostzufahrt zum berühmt-berüchtigten Tioga-Pass. Bevor wir diesen in Angriff nehmen, empfiehlt sich jedoch ein Abstecher zum Mono-Lake. Mark Twain nannte ihn „Das Tote Meer Kaliforniens“, weil das Wasser extrem salzhaltig ist. Der Mono-Lake hat einen Umfang von etwa 160km und ist deshalb so reizvoll, weil die aus dem Wasser ragenden Tufftürme jedem Science Fiction Film als Kulisse dienen könnten. Die merkwürdigen Gebilde würden vortrefflich auf den Mond passen und dort nicht weiter auffallen. Die Verwitterungen, die jedes Fotografenherz höher schlagen lassen, sind jedoch weniger auf ein Wunder der Natur zurückzuführen, sondern auf eine Umweltsünde gigantischen Ausmaßes. In den 40er Jahren schnitt man dem See kurzerhand die Zuflussadern ab, weil der Moloch Los Angeles nach Wasser verlangte. Dies führte zu einem Absinken des Wasserspiegels um mittlerweile mehr als 23m.

Über den Tioga-Pass, übrigens der höchste in Kalifornien mit 3.031m, gelangen wir endlich in den „Yosemite National Park“. Er wurde 1890 gegründet und ist auch heute noch ein Kronjuwel unter den Nationalparks in den USA. Der Yosemite erstreckt sich über insgesamt 2993km2 und ist ein landschaftliches Kunstwerk. Egal, ob abwechslungsreiche, spektakuläre Landschaftsformen, die Vielfalt von Pflanzen- oder Tierwelt, im Yosemite finden Sie alles. Der Gesteinsriese El Capitan ist ebenso eindrucksvoll wie der Half Dome. Die beste Aussicht auf den Park hat man vom Glacier Point, 27km von Chinquapin auf der Route 41 entfernt. Aber was wäre Yosemite ohne seine Wasserfälle. Mit 739m Gesamthöhe ist der Yosemite-Wasserfall der fünfthöchste der Welt. Besonders eindrucksvoll stürzen sich die Wassermassen im späten Frühling nach unten. Im Sommer müssen sich die Touristen leider mit einem spärlichen Rinnsal bescheiden, dafür muss man keine Angst haben, im Schnee stecken zu bleiben.

 

Wir verlassen Yosemite über die westliche Ausfahrt und übernachten in Mariposa. Am nächsten Morgen heißt es wieder früh aufstehen, denn es wartet neuerlich ein volles Programm. Über Merce, Madera, Fresno und Visalia gelangen wir zum Sequoia National Park. Hier sind die größten Bäume der Welt beheimatet. Wie Zeigefinger Gottes stehen sie da und wir starren wie gebannt nach oben in mehr als 80 Meter Höhe. Und plötzlich sind wir wirklich ganz ganz klein. Ergriffen vor soviel Naturhoheit, die unserem emsigen, geschäftigen Tun endlich Einhalt gebietet. Die Baumriesen haben den Menschen nicht nur an Größe einiges voraus, sondern auch an Lebenserfahrung. Der General Sherman Tree, der größte Baum der Erde, soll zwischen 2.300 und 2.700 Jahre alt sein, so genau vermag es niemand abzuschätzen. Was man sicher abmessen kann, ist sein Durchmesser: Über elf Meter, sowie 33m Umfang und 84m Höhe kann der Titan aus Holz vorweisen. Vor 100 Millionen Jahren bedeckten die Mammutbäume noch große Teile der nördlichen Halbkugel, heute tritt man sie noch in gerade mal 75 Hainen der Sierra Nevada an. Interessanterweise erleichtert Feuer das Wachstum der Riesenbäume. Die Flammen vernichten Unterholz und Gebüsch, zurück bleibt mineralhaltige Asche. Die nur taubeneigroßen Zapfen der Sequoias geben ihre winzigen Samen erst bei großer Hitze, eben bei einem Waldbrand, frei. So ist es kein Wunder, dass die meisten Bäume durch Menschenhand gefallen sind. Um die Massenrodungen zu stoppen, wurde im Jahre 1890 der Sequoia National Park als zweiter Nationalpark der USA aus der Taufe gehoben. Im Jahre 1965 wurde er schließlich mit dem Kings Canyon Park zusammengeschlossen, der eine Fülle von Wasserkaskaden und steile Felsschluchten als Attraktionen vorweisen kann. Aber die wahren Herrscher in dieser Gegend sind zweifellos die Mammutbäume, deren stille Grazie uns auch dann noch im Gedächtnis bleibt, als wir uns von diesem Paradies verabschieden und uns über die Interstate 5 dem nächsten Highlight Kaliforniens nähern: San Francisco. Die Traumstadt am Pazifik bildet den Abschluß einer faszinierenden Reise, die Sie durch vier Staaten (Kalifornien, Arizona, Utah und Nevada) führt, und an deren Ende die Überzeugung steht: Wir kommen wieder!

 

 

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