Montag, 8. März 2010

Bereits am Sonntagabend gegen 18.00 Uhr hatte man uns über Lautsprecher mitgeteilt, dass Rhodos nicht angelaufen werden würde. Es würden dort starke Stürme toben, so die Aussage. Eine Tatsache, die wir hinnehmen mussten. Um diese Zeit sind gerade Stürme vor Rhodos nicht ungewöhnlich. Es überraschte uns daher auch nicht weiter, denn schon die Abfahrt von Piräus ließ nichts Gutes ahnen, wenngleich die See hier noch ruhig war.

Das rechte Bild zeigt übrigens die MS Cristal von "Louise Cruise Lines", ein schönes Schiff, das selbst bei Regen noch eine gute Figur abgibt. Ganz interessant auch deshalb, denn Schiffsbegegnungen hatten wir auf dieser Reise so gut wie keine. Das aktualisierte "Today", das unverzichtbare Tagesprogramm, hatten wir bereits am Vorabend erhalten. Auf dem Weg zum Frühstück gingen wir nun also davon aus, Marmaris an der türkischen Küste anzulaufen. Die voraussichtliche Ankunft dort sollte um ca. 8.00 Uhr sein, zur besten Rühreizeit also!

Sonja hatte mit der Planänderung keine Probleme, ihr ging es leider wieder schlechter. Passend zum Wetter sackte auch die Stimmung in den Keller. Als wir das "New York" betraten, sahen wir schon die Strandlinie von Marmaris. Weiße Gischt tanzte über die höher werdenden Wellen und die Hotels schaukelten vor unseren Augen im Rhythmus des starken Windes. Windgeschwindigkeiten um 100kmh steckt die Pacifica locker weg, es ist wirklich ein Riesenschiff mit entsprechenden Stabilisatoren. Auch das Geschaukel hielt sich in Grenzen, trotzdem waren wir natürlich nicht erfreut, denn wir ahnten, dass wohl auch Marmaris dem schlechten Wetter zum Opfer fallen würde.

Wir frühstückten wie immer ausgiebig, denn zuhause kommt die ganze Familie eher selten dazu. Diese Momente genossen wir daher immer sehr, auch wenn meine Frau ob der nicht nachlassenden Zahn- und Magenbeschwerden sich mit Essen sehr zurückhielt. Da auch ihr Kreislauf zunehmend Probleme machte, entschlossen wir uns das Bordhospital aufzusuchen. Dort unten, auf Deck "0", kannte man uns schon. Wir tauchten immer im "Vierer-Pack" auf. Ein Lob an dieser Stelle an Costa, die medizinische Versorgung war wirklich vorbildlich und sowohl Pflegepersonal als auch die Ärzte hatten immer ein paar tröstende Worte parat. Um den Kreislauf zu stabilisieren schlug einer der Ärzte vor, Sonja "an den Tropf" zu hängen. Während man sich um meine Frau kümmerte, warteten wir drei anderen im Vorraum. Dann geschah etwas, das uns erst im Nachhinein sehr sehr nachdenklich machte. Es war kurz vor 12.00 Uhr und plötzlich tauchte Kapitän Giacomo Longo, der Kurze, auf der Krankenstation auf. Er war völlig bleich im Gesicht, wirkte fahrig, übernächtigt und angeschlagen. Er sprach mit einem der beiden Ärzte. Zu diesem Zeitpunkt war dies jedoch völlig unverfänglich.

Katrin, Stefan und ich gingen anschließend ins New York zum Mittagessen. Die Gischt tanzte weiterhin Tango, die Wellen hatten eine Höhe von ca. 6 Metern und plötzlich passierte es: ein Monster-Windstoß, möglicherweise ein Fallwind, erwischte die Pacifica mit 100 Knoten (!) = ca. 185kmh. Das Schiff kippte "augenblicklich" zur Seite. Ob es 20 oder 30 Grad waren, kann ich nicht beurteilen, ist auch vollkommen gleichgültig, denn was folgte, waren Szenen, wie man sie nur aus Katastrophenfilmen kennt. Zunächst verabschiedeten sich die Teller vom Tisch, Gläser, Wein- und Wasserflaschen, Essig- und Ölflaschen folgten. Ich beobachtete einige Kellner, um Reaktionen zu sehen. Einige wenige lachten noch, aber auch das blieb nur eine Momentaufnahme. Dann kippten Stühle, mit und ohne Menschen. Unmittelbar am Tisch hinter uns flog ein Passagier rücklings auf den Boden. Er war gefangen zwischen den beiden Armlehnen. Ich war zwar nicht weit weg, vielleicht zwei Meter, konnte ihm aber nicht helfen, weil zu diesem Zeitpunkt jeder mit sich selbst beschäftigt war. Menschen schrien, weinten, schimpften, Kellner lachten längst nicht mehr. Meine Tochter weinte hemmungslos und mein Sohn hätte in diesem Moment den Kapitän sicher über Bord geworfen. Dann dachte ich natürlich an Sonja, die immer noch auf der Krankenstation war. Wir rappelten uns auf und machten uns auf den Weg, immer einen Festhaltepunkt (Geländer, Säulen o.ä.) suchend.  Dabei vermieden wir natürlich den Aufzug und gingen oder besser gesagt stolperten über das Treppenhaus nach unten. Meine Frau lag noch auf ihrem Krankenbett und hat mehr oder weniger nichts mitbekommen. Man sah aber vereinzelt umgefallene Rollstühle, Stühle oder Regale, die darauf hindeuteten, dass auch hier der Sturm gewütet hatte, wenngleich wohl bei weitem nicht so schlimm wie in anderen Bereichen. Auf den Gängen wuselten Besatzungsmitglieder Ameisen gleich hin und her.

Reise - Tipps und Reiseberichte aus aller Welt

In etlichen Kabinen, u.a. in der unseres Sohnes, waren die Spuren des Beinahe-Unglücks ebenfalls zu sehen. Heraus geschleuderte Schubläden mit auf dem Boden verstreuten Inhalt. Umgekippte Blumenvasen usw. usw. Das sind die sicher harmloseren Begleiterscheinungen. Später haben wir erfahren, dass die deutsche Hostess, Beatrice Brunner, auf der Brücke war und sich informiert hat. Sie sprach mit vielen erfahrenen Seeleuten, die bestätigten, Vergleichbares noch nie erlebt zu haben. Interessant ist in diesem Zusammenhang sicher auch die Tatsache, dass (ob vom Kapitän oder einem Offizier von der Brücke?) die Koordinaten der Pacifica durchgegeben worden sind. Offenbar hat man in der mit Sicherheit herrschenden Hektik vergessen, das Bordmikrofon abzuschalten. Auf Deck 3 wurde angeblich bereits Wassereintritt festgeststellt, später erfuhren wir von Passagieren, die sich auf Deck 10 und 11 befanden, dass dort noch chaotischere Zustände herrschten, Kellner und anderes Personal wäre am Boden gekniet, hätte sich bekreuzigt und gebetet.

Aus unserer Sicht und die wird sicher von der Mehrheit der Passagiere auf der Costa Pacifica geteilt, ist es nicht akzeptabel, wie Costa im Anschluss gehandelt oder besser gesagt "nicht" gehandelt hat. Natürlich brauche ich keine Informationen darüber, dass wir Sturm hatten, dafür reichte ein Blick aus dem Fenster  und selbstverständlich gehe ich davon aus, dass der Kapitän und die Mannschaft alles in ihrem Ermessen liegende tun werden, um ein Unglück abzuwenden. Aber Menschen machen Fehler und irgendwann hilft auch die beste Technik nichts mehr. Angeblich wäre am Tag danach von der deutschen Hostess ein Satz (!) in Form einer angedeuteten Entschuldigung über Lautsprecher zu hören gewesen. Wir haben nichts davon mitbekommen. Dass die Bingo-Spiele bald, gleich, sofort oder in ein paar Minuten beginnen, das konnte man hingegen pausenlos hören. Nein, mir ist wirklich nicht nach Späßen zumute. Costa ist hier einfach zur Tagesordnung übergegangen. Eine Aufarbeitung der wirklich dramatischen Ereignisse fand nicht statt. Keine Erläuterungen, von einer Entschuldigung oder Ähnlichem ganz zu schweigen, nichts. Das Verhalten von Kapitän Longo (dem im Übrigen bei allen offiziellen Anlässen kein einziges Lächeln entlockt werden konnte!) war nach unser aller Dafürhalten an Arroganz kaum noch zu überbieten. Aus Costa-Sicht mag das ja durchaus verständlich und nachvollziehbar sein. Zwei Unglücke hintereinander sind ganz schlecht für das Image, vom Geschäft nicht zu reden. Aber just an dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein: zählt der Passagier denn gar nichts mehr?

Am Abend des 8. März war "Gala" angesagt. Das wäre doch eine wirklich gute Gelegenheit für den Kapitän gewesen, das Mikrofon zu ergreifen und einige Worte an die Passagiere zu richten. Leider wurde diese Gelegenheit versäumt. Dass die Costa Pacifica Kurs auf Zypern genommen hat, war zu diesem Zeitpunkt längst klar, aber hätte man nicht besser von vorneherein auf den gefährlichen Abstecher nach Rhodos bzw. Marmaris verzichten, das Sturmgebiet weiläufig umfahren und gleich Zypern ansteuern können? Fragen, auf die wir leider nie eine Antwort erhalten haben.

So feierten wir, allerdings immer noch stark unter dem Eindruck des Sturmes, das "Fest der Frau", das im Today so großspurig angekündigt worden war. Stefan hatte den ganzen Nachmittag an seinem Laptop verbracht und Rückflüge ab Limassol nach Deutschland gesucht. Mit Mühe konnten wir ihn überreden, an Bord zu bleiben. Und weil die Zahnschmerzen von Sonja einfach nicht aufhören wollten, haben wir erneut den Bordarzt kontaktiert, der auch wieder mit Verstärkung in Person einer südamerikanischen Schwester angerückt ist. Sie zog den Trolley mit den Überraschungspaketen der vereinigten Pharmaindustrie und "Il Dottore" inspizierte zum wiederholten Mal den Dauerbrenner in Sonjas Mundhöhle. Mangels anderer Alternativen verabreichte er ihr diesmal ein sofort und umfassend wirkendes Anästhetikum. Gleichzeitig empfahl er aber auch einen Zahnarztbesuch in Limassol, er würde sich um einen Termin kümmern und uns telefonisch kontaktieren. Gut, dass man auf so einem Kreuzfahrtschiff alles mit der Costa-Karte zahlen kann. So gingen die nächsten 50 Euro den Jordan respektive das Mittelmeer hinunter. 

Der Abend verlief aber dann doch noch recht unterhaltsam  und vor allem schmerzfrei. Das Essen war auch diesmal wieder ausgezeichnet, Stefan bestellte seine obligatorischen sieben Gänge. Da er jedoch täglich das Fitness-Center aufsuchte, blieben die Kalorien bei ihm ohne Wirkung. Beneidenswert! Im Theater wurden wir an diesem Abend von dem Comedy-Künstler Jean Lemoine glänzend unterhalten. Da konnte man sogar die dürftigen Gesangsdarbietungen der Costa-Künstler verkraften. Um Mitternacht statteten wir schließlich auch noch der Küche einen Besuch ab, denn es stand noch eine "Gastronomische Überraschung" auf dem Plan. Die Küche war natürlich auf Hochglanz poliert, das Büffet selbst war allerdings, entgegen unser aller Erwartung, eher bescheiden. Kein Vergleich zum "Büffet Magnifico", das wir von den beiden anderen Kreuzfahrten kannten.

Als wir gegen 1.00 Uhr auf die Kabinen zurück kehrten, fielen wir nur noch hundemüde in die Betten. Die Ereignisse des Tages beschäftigten uns natürlich immer noch, aber irgendwann sollte man auch versuchen, wieder zur Ruhe zu kommen. Und ausgeruht mussten wir sein, denn die nächsten Tage sollten turbulent bleiben.

Dem aufmerksamen Leser ist sicher nicht entgangen, dass der 8. März keine eigene Fotoshow bietet. Bilder von Monsterwellen, umstürzenden Flaschen, kippenden Stühlen und Ähnlichem habe ich nicht geschossen. Stattdessen habe ich aber noch ein paar Aufnahmen vom Mitternachtsbüffet.

Damit endet der 8. März 2010, den wir sicher noch lange in Erinnerung behalten werden. Die Costa Pacifica steuert am nächsten Tag den Hafen von Limassol (Zypern) an. Wenn Sie Interesse haben, dort ebenfalls von Bord zu gehen, klicken Sie einfach auf den folgenden Link oder wählen Sie eine andere Seite:

Start Reisebericht Limassol Piräus/Athen