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unter meinem Pseudonym

Helena Hallström

veröffentlicht

 

 

Die Liebe steht auf Startplatz Eins

Inhaltsangabe:

Der talentierte Rennfahrer Robert Wagner steht auf dem Sprung in die Formel 1. Er ist schnell, trotzdem läuft es in dieser Saison nicht gut für ihn. Seinen Missmut lässt er an seiner Freundin Tina, an seinem Chefmechaniker und an der ganzen Crew aus. Als er sieht, wie Tina den Rennstallbesitzer küsst, rastet er aus. Er steigt in den noch nicht rennfertigen Boliden und baut prompt einen Unfall. Wie durch ein Wunder überlebt er und erkennt, dass seine Freundin Tina immer nur Augen für ihn hatte.

     *****

Tina Berger spielte nervös mit einer Locke ihrer rotblonden Löwenmähne. Sie schielte unablässig auf die Stoppuhr in ihrer Hand und ihre Blicke wanderten hastig vom Sekundenzeiger der Uhr zur Rennstrecke und wieder zurück.
"Wo bleibt er denn nur?", fragte sie sich. Die Zeit verrann unerbittlich, aber Robby Wagner und sein C-Klasse-Rennwagen waren immer noch nicht auf der Zielgeraden zu se-hen. Nach schier endlosen Minuten kam Robby endlich in die Boxengasse. Allerdings zu Fuß. In heller Aufregung rannte Tina zu ihrem niedergeschlagenen Freund.
"Gott sei Dank, ich habe mir schon Sorgen gemacht. Was ist denn passiert?"
"Nichts, es ist alles in schönster Ordnung. Mensch, Tina, deine Bemutterung nervt. Wahrscheinlich hakt wieder mal was am Getriebe."

Robert Wagner, der kommende Mann im Formelsport war gereizt. Er spürte nicht, dass Tina in großer Sorge war. Ihre Liebe hatte in letzter Zeit ein paar Risse bekommen, denn Robby war ein extrem ehrgeiziger Rennfahrer. Da kam es schon mal vor, dass er sich mit Gott und der Welt anlegte, wenn es nicht so lief, wie er es sich vorstellte. Und in dieser Saison lief es bislang gar nicht gut. Die einzige, die seine Marotten stets klaglos hingenommen hatte, war Tina. Sie war nicht nur eine verliebte sondern auch eine clevere Rennfahrerbraut. Daher registrierte sie Robbys wachsende Unsicherheit nach jeder verkorksten Trainingsrunde wie ein hochempfindlicher Seismograph.
So war es auch jetzt wieder. Nach seinem Fußmarsch in die Boxengasse hatte Robby keinen Nerv für Tinas, wie er meinte, romantische Spielereien. Stattdessen kläffte er: "Kümmere du dich um die Autogrammstunden, das Fahren kannst du getrost mir überlassen."
"Deine Arroganz bringt dich eines Tages noch ins Grab. Mir liegt eben etwas an deinem Leben. Das ist normal, wenn man jemanden liebt. Aber die Gefühle anderer interessieren dich ja nicht. Hier!" Tina drückte ihrem verdutzten Freund die Stoppuhr in die Hand und ließ ihn stehen. Wutentbrannt stapfte sie davon. 
"Dieser eingebildete Möchtegernstar hält sich für den Größten", murmelte sie vor sich hin. Sie steigerte sich derart in ihren Frust hinein, dass ihr Tränen der Enttäuschung in die Augen schossen. Zum Glück konnte Robby das nicht sehen. Wie sehr sich doch alles verändert hatte.

Tina musste an früher denken, als er noch mit einem selbst gebauten Go-Kart von Rennen zu Rennen unterwegs war. Damals spielte der Sport noch nicht die Hauptrolle in ihrer beider Leben. Sie übernachteten auch noch nicht in Hotels, sondern schliefen in einem kleinen Zelt. Aber dafür waren sie sich näher als heute. Sie musste lächeln bei der Erinnerung an damals: "Wenn ich meine Zeit einmal öfter im Cockpit verbringe als mit dir, musst du mir auf die Finger klopfen. Einen Rennwagen kann ich ja schlecht heiraten", hatte Robby einmal gesagt. Das kam Tina in diesem Augenblick wie Ewigkeiten vor.
"Mach dir nichts draus. Der beruhigt sich schon wieder." Dieter Steigerwald, Robbys Chefmechaniker riss Tina aus ihren Gedanken. Er hatte das Streitgespräch der beiden die ganze Zeit über verfolgt. Auch ihm war Robbys wachsende Nervosität nicht entgangen. Und die war nicht nur auf Materialprobleme am Auto zurückzuführen. Robby hatte sich immer noch nicht für das Rennen qualifiziert und suchte deshalb bei allen anderen die Schuld, nur nicht bei sich selbst.
"Du kennst doch Robby. Nach einer guten Trainingsrunde sieht die Welt gleich ganz anders aus. Und wenn er will, kann er die Konkurrenz jederzeit in Grund und Boden fahren." Dieter Steigerwald gab sich alle Mühe, um die junge Frau zu trösten.
"Ja, in Grund und Boden. Und sein Auto auch. Ich weiß nicht, Dieter. Irgendwas stimmt nicht mit ihm, er ist in den letzten Wochen noch verbissener geworden und er lässt auch keinen mehr an sich ran. Er spielt mir zwar den großen Zampano vor, aber er kann mir nichts mehr vormachen. Und ich fürchte, wenn er sich diesmal nicht für das Rennen qualifiziert, schmeißt Dobmeier ihn raus. Der Vertrag läuft nach dieser Saison ohnehin aus."
Die Mechaniker hatten Robbys Wagen in der Zwischenzeit in die Boxengasse zurückgebracht und Dieter Steigerwald versuchte zusammen mit seinen Leuten fieberhaft, den Defekt zu beheben. Robert Wagner stand gelangweilt daneben und beobachtete mit finsterer Miene das Geschehen. War er nur auf das Getriebe sauer oder auch auf Tina, die ihn vor versammelter Mannschaft lächerlich gemacht hatte?
"Verdammt noch mal, ich möchte nur wissen, weshalb bei mir immer das Getriebe aussetzt. Hey, Dieter, wie viel zahlt dir Dobmeier eigentlich dafür, wenn ich mich nicht qualifiziere?" Er hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, als ihn ein kurzer rechter Haken von seinem Chefmechaniker an die Kinnpartie auf den Boden der Tatsachen zurück holte.
"Hier, du großer Rennfahrer, der ist von mir und der ist von Tina, du Hornochse." Ein zweiter Haken in die Magengrube beförderte Robby für einen Augenblick ins Reich der Träume.
"Tut mir leid, alter Junge, aber ich glaube das ist die einzige Sprache, die du derzeit verstehst."
Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt rieb sich Robby sein Kinn. Aber anstatt zur Besinnung zu kommen, steigerte er sich in seine Verschwörungstheorie immer weiter hinein.
"Na schön, die erste Runde geht an dich. Aber der Kampf ist noch nicht zu Ende. Du kannst dir schon einmal einen neuen Job suchen. Ich glaube nämlich nicht, dass Arno Dobmeier einen Schläger in seiner Truppe beschäftigen möchte."
Das ganze Gesicht schmerzte ihn jetzt und auf das Abendessen würde er wohl verzichten. Das hinderte ihn aber nicht daran, noch auf einen Sprung bei Arno Dobmeier, dem Rennstallbesitzer, vorbei zu schauen.

 

Auch Tina wollte eine Aussprache mit dem Boss. Die offensichtliche Veränderung in Robbys Wesen waren ihr Anlass genug, für klare Verhältnisse zur sorgen. Denn seine Zukunft war auch die ihre, das würde sie ihrem sturen Asphaltcowboy schon noch beibringen. Schließlich kannte sie Robby auch von seiner zärtlichen und liebevollen Seite.
Arno Dobmeier, ein Großindustrieller, der sich den Rennstahl zunächst nur aus Imagegründen zugelegt hatte, thronte hinter seinem Edelholzschreibtisch.
"Hallo, Bettina, welch angenehme Überraschung. Was kann ich für Sie tun?"
"Danke, dass Sie Zeit für mich haben. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Sicher ist Ihnen nicht entgangen, dass Robby in letzter Zeit Probleme hatte ...", Tina stockte kurz und senkte den Kopf, "... und der Vertrag läuft doch aus." Weiter kam sie nicht mehr. Die Anspannung der vergangenen Tage holte sie jetzt ein und Tränen schossen in wahren Sturzbächen über ihre Wangen. Arno nahm sie in seine Arme. Was für eine wunderbare Frau, dachte er.
"Nun beruhigen Sie sich wieder, Bettina. Ich bin doch keiner von denen, die den Fahrer nach ein paar schlechten Rennen gleich in die Wüste schicken. Robert Wagner ist der talentierteste deutsche Rennfahrer und ich wäre doch blöd, wenn ich ihn der Konkurrenz überlassen würde. Wir wollen mit ihm und natürlich mit Ihnen in die Formel 1, verstanden!"
Tina glaubte, zu träumen. Was hatte er gesagt? Erst langsam begriff sie das Unglaubliche. Sie hatte sich die ganze Zeit also umsonst den Kopf zerbrochen. Mein Gott, wenn doch jetzt Robby hier wäre. Sie war so aufgedreht, dass sie jemanden brauchte, dem sie ihr Glück auch mitteilen konnte. Arno Dobmeier war ihr da gerade recht. Sie drückte ihm vor Begeisterung und Dankbarkeit einen dicken Schmatz auf die Backe.

 

Gerade in diesem Moment platzte Robby zur Tür herein. Es war eine dieser Szenen wie sie ansonsten nur im Fernsehen vorkommen. Und natürlich musste er aus seiner Sicht unweigerlich zu falschen Schlüssen kommen.
"Danke? Wofür Tina? Dafür, dass ich ausgemustert werde? Aber wie ich sehe, hast du ja schon einen passenden Ersatz für mich gefunden. Vielleicht ein bisschen alt, aber schwerreich. Aber noch fahre ich für Sie, Dobmeier! Und ich werde Ihnen zeigen, wen Sie mit mir verlieren." Robby schrie seinen Ärger und seine Enttäuschung hinaus. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und verließ ohne weiteren Kommentar das Büro. Dobmeier und Tina hatten keine Möglichkeit, um das Missverständnis aufzuklären. Tinas Gesicht war von einer Sekunde zur anderen aschfahl geworden. Das Glück, das sie schon sicher zu haben schien, war ihr aus den Händen geglitten. Sie hatte auch nicht mehr die Kraft, Robby zurückzuhalten. Er war mit einem Mal so weit weg. Alles hatte sich gegen sie verschworen und im Augenblick sah es so aus, als ob sie ihre gemeinsame Zukunft schon hinter sich hätten.

Die Mechaniker hatten in der Zwischenzeit fieberhaft gearbeitet, nur ein paar Kleinigkeiten waren noch zu erledigen.
"Na, ihr Schlafmützen, habt ihr das Getriebe wieder hin bekommen? Dann werde ich euch mal zeigen, was der Rundenrekord auf dieser Provinzstrecke wert ist." 
"Warte noch fünf Minuten. Wir müssen erst die Bremsen kontrollieren." Dieter Steigerwald blickte Robby mit einer Mischung aus Staunen und Angst an.
"Das passt doch prima, Dieter, dann kommt Dobmeier früher als gedacht zu einem freien Cockpit."
Keine drei Sekunden später saß er in seiner rasenden Rakete, legte hastig den Hosenträgergurt an und fegte die Boxengasse hinaus. Die wild gestikulierenden Mechaniker beachtete er nicht. Auch die im letzten Moment anstürmende Tina nahm er nicht mehr wahr. Er hatte mit sich zu tun, seinem falsch verstandenen Ehrgeiz, seinem verletzten Männerstolz. Nicht eine Sekunde dachte er daran, dass im Kreise der Mechaniker ein junge, anbetungswürdige und jetzt vor Angst zitternde Frau stand, die alles für ihn geben würde und ihn von Herzen liebte.
Die Dunlopschikane hatte er gerade durchfahren, der Wagen untersteuerte in den Kurven leicht. Aber für Robby war das kein Problem, routiniert stellte er sich auf das veränderte Fahrverhalten ein. Auf der Geraden schaltete er in den sechsten Gang. Höchstgeschwindigkeit! Mit mehr als 300 Sachen rasten die Tribünen an ihm vorbei, dann kam eine Rechtskurve. Runterschalten in den dritten Gang, ein leichter Tick auf die Bremsen. Nichts. Keine Reaktion.
"Verdammt!" war der einzige Gedanke, den er noch zu Ende denken konnte. Dann wurde es Nacht um ihn.
In der Boxengasse bei den Jungs von Dobmeier war der sonstigen Geschäftigkeit blankes Entsetzen gewichen. Ein Streckenposten hatte über Funk mitgeteilt, dass sich der Wagen mit der Nummer 23 mehrmals überschlagen hat. Tina schlug die Hände vors Gesicht, sie schluchzte laut. Auch Arno Dobmeier und seine Truppe starrten fassungslos die Zielgerade hinunter. Fast schien es, als ob sie darauf warteten, dass die Nummer 23 gleich um die Kurve kommen müsste. Aber es blieb still an der Rennstrecke. Jetzt hörte man nur noch das gleichmäßige Surren der Rotorblätter des Rettungshubschraubers. Wenigstens klappten die Erste-Hilfe-Arbeiten reibungslos. Nur wenige Minuten nach dem Unfall wurde Robby in das nahe gelegene Klinikum geflogen.
Bettina, Dieter Steigerwald und Arno Dobmeier warteten vor dem Operationssaal. Und schneller als sie zu hoffen gewagt hatten, öffnete sich die Tür. Der operierende Arzt trat auf sie zu.
"Alles halb so wild. Außer ein paar gebrochenen Rippen und einer Gehirnerschütterung ist ihm nichts passiert. Ein Wunder, kann ich nur sagen. Oder er hatte einen guten Schutzengel." Dabei sah er Bettina an, die ihre Dankbarkeit zum zweiten Mal innerhalb eines Tages mit einem Kuss ausdrückte.
"Jetzt sieht er es ja nicht", lachte sie zaghaft aber erleichtert. Arno grinste und zwinkerte ihr zu.
Nachdem Robby vom Aufwachzimmer auf die Station gebracht worden war, gab es für Tina kein Halten mehr. Sie musste mit ihm reden. Als sie die Tür zu seinem Zimmer öffnete, hatte sie erwartet, dass Robby noch schlafen würde. Aber er starrte lediglich teilnahmslos zum Fenster hinaus.
"Sieh mal, das wird dich auf andere Gedanken bringen!" Sie hielt ihm ein Schriftstück unter die Nase, die mit einem dicken Pflaster verziert war.
"Was machst du eigentlich noch hier? Bringst du mir die Kündigung persönlich?" Der Unfall und die anschließende Operation hatten ihn immer noch nicht zur Besinnung gebracht.
"Du Ekelpaket", gab Tina jetzt wieder angriffslustig zurück. "Wenn du nicht so viel Glück gehabt hättest, bräuchte ich mich nicht mehr um dich zu sorgen und Arno müsste sich für die nächste Saison einen neuen Formel-1-Piloten suchen. Deshalb war ich bei Arno, du Dummkopf." Da der Kopf dick einbandagiert war, beschränkte sie sich auf ein zartes Streicheln der lädierten Backe.
"Ich habe mich wirklich wie ein Vollidiot benommen. Jetzt wirst du mich wohl nicht mehr heiraten wollen, oder?"
Statt einer Antwort gab Tina ihrem Bruchpiloten einen behutsamen Kuss, der ihn den schrecklichen Unfall schnell vergessen ließ.

 

 

 

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