Die Macht der Medien spüren wir beinahe täglich. Mit Nachrichten werden aber nicht nur Meinungen manipuliert, sondern auch Gefühle. In der folgenden Lovestory kommt ein verliebter Zeitgenosse aber auf eine scheinbar völlig abwegige Idee, um die Liebe zurückzugewinnen.

 

Schnecke grüßt Flocke

Alexander Behling saß wie ein Häufchen Elend in der Ecke des Squashcourts. Er war völlig ausgepumpt vom Match, das er gerade gegen seinen Freund Oliver Kempe verloren hatte.

„Sag’ mal, alter Junge, so kenn’ ich dich ja gar nicht. Sonst schlägst du mir die Bälle nur so um die Ohren. Und heute bist du auf einmal platt wie ein nasses Handtuch. Was ist denn los mit dir?" Oliver sah seinen Freund fragend an.

„Gehen wir noch auf ein Bier, das ist mit zwei Sätzen nicht getan", erwiderte Alex leise.

„Andrea hat einen anderen. Sie betrügt mich", begann Alex seine Geschichte, die erst nach dem dritten Pils endete. Oliver hörte die ganze Zeit geduldig zu. Zwischendurch schüttelte er immer wieder ungläubig den Kopf. Schließlich kannte er Andrea gut genug, um zu wissen, dass sie im Traum nicht daran dachte, ihren Mann zu betrügen. Sein Freund Alex war ein Worcaholic. Und das war auch der Grund, weshalb es in der Ehe der beiden zur Zeit kriselte.

„Sei nicht erstaunt, wenn ich heute abend nicht da bin. Ich gehe mit Ellen ins Kino! Und anschließend vielleicht in die Disco!" Alex hatte sich den Satz seiner Frau gut eingeprägt. Jetzt wartete er auf eine Reaktion Olivers.

„Aha", meinte der aber nur vielsagend, „das hat sie dir also einfach so hingeknallt. Und jetzt glaubst du, dass sie dich betrügt?"

Alex schien die Bemerkung gar nicht zu hören, zu tief war er schon in einem Meer von Selbstmitleid versunken.

„Jedenfalls tut sie seit ein paar Wochen, was ihr Spaß macht. Sogar am Wochenende geht sie mit Ellen auf die Piste. Kino, Disco, und den Rest will ich mir erst gar nicht vorstellen", jammerte Alex.

„Also ehrlich, mein Alter", unterbrach Oliver seinen Kumpel endlich, „wenn du da Verständnis von mir erhoffst, muss ich dich enttäuschen. Hast du dich eigentlich schon mal gefragt, warum Andrea dieses Theater veranstaltet?" Da Oliver keine Antwort erwartete, übernahm er das selbst: „Nein, natürlich nicht. Dann wärst du nämlich dahinter gekommen, dass sie dich nur aufrütteln will." Er wusch Alex gehörig den Kopf, der ihn verständnislos mit glasigen Augen ansah.

„Wie wär’s denn, wenn du Andrea mal mit so einer schönen Herz-Schmerz-Anzeige in der Zeitung überraschst. Frauen stehen auf so was, glaub mir", beschwor Oliver seinen nicht mehr ganz nüchternen Freund. Der sah ihn erst ungläubig an und meinte dann schließlich: "Du bist der einzige, der mich wirklich versteht", sagte er treuherzig.

Obwohl er am Ende nicht mehr ganz Herr seiner Sinne war, hatte er den Tipp mit der Anzeige auch am nächsten Morgen noch nicht vergessen. In der Mittagspause marschierte er denn auch schnurstracks zur Zeitung. Die Dame von der Anzeigenannahme nahm teilnahmslos Alex Zettel, las und sah dann doch überrascht zu ihrem Kunden hinter dem Schalter: "Nein, wie romantisch", sagte sie, "so was müsste mir mein Mann auch mal schreiben." Dann las sie laut vor, so dass auch die Umstehenden den Text mithören konnten: "Hallo Flocke! Es tut mir leid. Ich liebe Dich. Deine Schnecke." Für einen Augenblick war es mucksmäuschenstill im riesigen Raum der Anzeigenannahme. Schließlich war es Alex, dem die Situation fast ein bisschen peinlich war, der die Stille unterbrach: "Ich hätte da nur eine Bitte. Das Inserat muss unbedingt in die Rubrik Tiermarkt. Das ist die einzige, die meine Frau liest." Wieder folgte ein lautloses Staunen, aber nur für einen Augenblick, dann brach ein wahrer Lachorkan los, der über Alex hereinstürzte. Nachdem Alex die zehn Euro auf den Tresen geblättert und sich verabschiedet hatte, schüttelte er immer wieder den Kopf. "Na, hoffentlich gefällt die Idee meiner Frau auch so gut", sagte er zweifelnd zu sich selbst.

Als er am nächsten Morgen noch schlaftrunken ins Esszimmer schlurfte, saß Andrea schon da. Sie blickte nicht auf, als er sich neben sie setzte und schmierte sich scheinbar unbeirrt ein Brötchen. Dann blätterte sie gedankenverloren im Tagesspiegel, den sie abonniert hatten und der frühmorgens um sechs schon in ihrem Briefkasten lag. Plötzlich stutzte sie, ihre bislang finsteren Züge hellten sich merklich auf. Dann sah sie Alex an und schlang ihre Arme um ihn. "Das hättest du aber auch leichter haben können, du sturer Kerl!"

Eine zentnerschwere Last fiel von beiden ab, sie küssten sich und der ganze Streit war vergessen. Nur für einen kurzen Augenblick wurde Alex noch einmal ernst, als er Andrea ansah und meinte: "Ein Glück, dass du wenigstens die Inserate im Tiermarkt liest. Ich kenne Leute, die studieren höchstens mal die Sterbeanzeigen!"

 

Happy End

 

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