Eine weitere Lovestory, die ebenfalls im Ratgeber "Frau und Familie" veröffentlicht worden ist. Natürlich unter meinem Pseudonym "Helena Hallström".

 

Ein Knöchelbruch mit Happyend

Inhaltsangabe: Jasmin ist am Boden zerstört. Der Typ, den sie kennen lernt, hat offenbar eine andere. Konsequent wie sie ist, gibt sie ihm den Laufpass... und leidet. Aber da ist ja zum Glück noch ihre Freundin Nicole. Während sie einen Knöchelbruch im Krankenhaus auskuriert, ruft sie Fabian zuhause an, und bestellt ihn ins Krankenhaus. Zufällig zur gleichen Zeit wie Jasmin. Dann nimmt das Glück seinen Lauf!

*****

Im „Hancock" ging es rund. Die angesagteste Disko in der Stadt hielt, was die Werbeplakate großspurig verkündeten: Stimmung, Spaß und gute Laune. Jasmin und ihre beste Freundin Nicole hatten mit Mühe und Not einen der heiß umkämpften Plätze an der Bar ergattert und sich einen Caipirinha bestellt.

 „Jetzt fehlt nur noch ein knackiger Typ und es könnte los gehen", lachte Nicole und knuffte Jasmin übermütig in die Seite. Mit ihrer aufmunternden Geste bewirkte sie jedoch das glatte Gegenteil. Anstatt der Freundin Laune zu machen, verfinsterte sich Jasmins Miene von einer Sekunde zur anderen. In Gedanken war sie wieder bei Jan. Jenem Kerl, von dem sie fast ein halbes Jahr dachte er wäre ihr Traumboy. Der smarte Bankkaufmann war in Wirklichkeit jedoch nichts weiter als ein Frauenheld, der lediglich Jasmins Naivität ausnutzte. Er kam, wenn ihm danach war, ansonsten ging er seiner Wege. Wenn er nicht in Jasmins Bett lag, wälzte er sich bei einer anderen in den Federn. Und das tat er meistens. Endlich, nach sechs Monaten, schnallte es auch Jasmin und sie gab dem Kerl den Laufpass. Aber die Wunden waren noch nicht verheilt.

„Ich brauche keinen Mann, Nicole. Aber wenn ich heute nicht mitgekommen wäre, hättest du doch keine Ruhe gegeben", erwiderte Jasmin daher spitz.

„Stimmt genau. Das beweist aber nur, wie sehr mir dein angeschlagener Gemütszustand am Herzen liegt", versuchte Nicole der Freundin klar zu machen.

„Hast du Lust ein paar Runden mit mir zu drehen", wurde Jasmin plötzlich gefragt. Vor Schreck hätte sie beinahe ihr Cocktailglas fallen lassen. Der Fremde, der sie so unkompliziert duzte, lächelte Jasmin unwiderstehlich an. Und noch ehe sie einen zaghaften Versuch der Widerrede starten konnte, hatte er sie schon sanft am Arm gezogen und schleifte sie zur Tanzfläche.

„Ist das die neue Art, Frauen aufzureißen", fragte Jasmin und musste dabei gegen Vanessa Amorosis „Absolutely everybody" ankämpfen, das gerade aus den Lautsprechern dröhnte. Aber irgendwie war sie dem jungen Mann, der groß und schlank war und dessen schwarze Locken im Scheinwerferlicht glänzten, eigentlich gar nicht böse. Im Gegenteil. Der Typ sah einfach umwerfend aus, wie sie bei näherer Betrachtung feststellte. Unter dem eng anliegenden T-Shirt vermutete sie einen durchtrainierten Waschbrettbauch, an den sie sich nach der Enttäuschung mit Jan nur zu gern angelehnt hätte.

„Das mache ich nur bei Frauen, die so gut aussehen wie du", sülzte der Waschbrettbauch und zeigte dabei wieder seine blendend weißen Zähne.

„Ich heiße übrigens Fabian Bergkamp und du?"

„Jasmin Schober", kam es nur knapp zurück. Sie hatte keinen Bock auf eine Unterhaltung, wollte stattdessen mit diesem aufregenden Typ über die Tanzfläche fetzen. Sie war selbst überrascht, was auf einmal mit ihr los war. Nach den ersten flotten Rhythmen gönnte ihnen der Diskjockey eine Verschnaufpause. Fabian zog Jasmin zu sich heran und sie spürte plötzlich wieder dieses seltsame Kribbeln im Bauch, das sie schon verloren glaubte. Während im Hintergrund die Jungs von Aerosmith die Titelmelodie aus „Armageddon" lustvoll durch die Boxen stöhnten, näherten sich Fabians Lippen behutsam denen von Jasmin. Sie küssten sich zaghaft und Jasmin spürte auf einmal wieder dieses unendliche Verlangen nach körperlicher Nähe und Zärtlichkeit. Trotzdem entzog sie sich Fabians weiteren Annäherungen. Das ging ihr alles viel zu schnell.

„Ich muss zurück zu meiner Freundin", sagte sie dem verdutzten Fabian.

„Aber wir sehen uns doch hoffentlich wieder? Warte, ich geb’ dir meine Karte." Dann kramte er in aller Eile eine zerknautschte Visitenkarte aus der Geldbörse. Sekunden später war Jasmin im Getümmel der Diskothek verschwunden und zu Nicole geflüchtet, die ihren Caipirinha mittlerweile geleert hatte. Nicole sah sie fragend an. Ihr war es natürlich nicht entgangen, was sich da auf der Tanzfläche abgespielt hatte.

„Sag' nichts. Lass uns lieber von hier verschwinden", befahl Jasmin kurz und bündig. Nicole blickte die Freundin nur kurz an und nickte. Sie deutete den seltsamen Glanz in Jasmins Augen richtig, wollte daher nicht weiter in sie dringen und ihr mit Fragen auf den Wecker fallen. Sie kannte Jasmin gut genug und ließ ihr Zeit, bis sie selbst über ihr Erlebnis mit Fabian reden wollte.

Als sie endlich zuhause war, es war schon weit nach Mitternacht, war Jasmin immer noch so aufgekratzt, dass sie nicht sofort einschlafen konnte. Sie streichelte ihren Angorakater Ambrosius und war in Gedanken beim Waschbrettbauch. Warum ging ihr dieser schlaksige Kerl auch nicht mehr aus dem Kopf? Hatte sie sich etwa verliebt?

„Unsinn!", rügte sie sich selbst und schlief irgendwann doch noch ein.

Als sie am nächsten Morgen im Büro der Steuerkanzlei, in der sie beschäftigt war, die Unterschriftenmappe durchging, stellte sie fest, dass sie überhaupt nicht bei der Sache war. Dieser Fabian war allgegenwärtig. Sobald sie den Computer einschaltete, sah sie seinen Lockenkopf auf dem Bildschirm. Wenn jemand anrief und den Chef zu sprechen wünschte, glaubte sie Fabians Stimme zu hören. Ich glaub’, ich bin verrückt! redete sich Jasmin ein.

Noch für denselben Nachmittag verabredete sie sich wieder mit Nicole. Sie musste unbedingt mit jemandem darüber sprechen.

„Du bist ganz einfach verliebt. Akzeptier’ das endlich und ruf diesen Fabian noch heute an. Du hast doch seine Karte", meinte Nicole völlig ungerührt, als ihr Jasmin die Symptome ihrer „Krankheit" schilderte.

Jasmin holte ihr Handy aus der Umhängetasche und wählte die Nummer. Fabian war nicht zuhause, es meldete sich nur die Mailbox. Was Jasmin jedoch zu hören bekam, ließ eine Welt für sie zusammenbrechen: „Hallo, Fremder, hier ist der Anschluss von Sabine und Fabian Bergkamp. Wir sind mal wieder nicht da. Aber du kannst uns ja eine Nachricht hinterlassen. Wir melden uns dann!"

Lautlos kullerten ganze Tränenbäche über Jasmins zartes Gesicht. Sie hatte noch immer nicht begriffen, was sie da eben gehört hatte. Der Kerl besaß die Frechheit, ihr seine Visitenkarte in die Hand zu drücken und dabei war er doch tatsächlich verheiratet.

„Um Gottes willen, was ist denn passiert", fragte Nicole, die jetzt doch einigermaßen beunruhigt war. Dann erzählte ihr Jasmin von der Mailbox.

„Typisch, Mann. Auf Gefühle nehmen die einfach keine Rücksicht. Vergiss’ den Typen am besten gleich wieder", riet ihr Nicole, die jetzt ebenfalls völlig aufgebracht war über diesen Fabian Bergkamp.

Aber Nicole hatte leicht reden. Sie war ja nicht verliebt! In der Folgezeit zog sich Jasmin völlig zurück. Sie ging morgens ins Büro, vergrub sich in ihre Arbeit und am späten Nachmittag versteckte sie sich wieder in ihren eigenen vier Wänden. Dort wartete zwar nur Ambrosius auf sie, aber der war wenigstens ehrlich. Von Männern hatte sie jedenfalls genug. Das redete sie sich zumindest ein, aber es half nichts. Die Bilder von Fabian Bergkamp holten sie immer wieder ein. Doch nicht nur das. Fünf Tage nach dem Besuch im „Hancock" bimmelte das Telefon.

„Schober", meldete sich Jasmin missmutig.

„Fabian Bergkamp. Habe ich dich endlich erwischt. Ich dachte schon, du hättest dich in Luft aufgelöst."

„Hab’ ich mich auch. Und zwar für dich, du Schuft. Hörst du! Ruf mich niiieee wieder an", schrie sie in den Hörer. Dann drückte sie auf den Ausknopf und pfefferte das Handgerät an das andere Ende der Couch. Wut und Verzweiflung kamen in ihr hoch. Aber noch ehe sie sich für einen Wutausbruch oder einen Weinkrampf entscheiden konnte, läutete das Telefon schon wieder. Diesmal reagierte Jasmin blitzschnell. Sie schnappte sich das rote Designerteil, drückte das Hörersymbol und legte gleich ordentlich los: „Habe ich dir nicht klar und deutlich gesagt, dass ich nie mehr von was von dir ....." Weiter kam sie nicht, denn am anderen Ende der Leitung meldete sich plötzlich Nicole: „Sag mal, was ist denn bloß los, um Himmels willen. Ich bin’s doch. Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass du mich gelegentlich im Krankenhaus besuchen kannst. Ich hab’ mir nämlich den Knöchel gebrochen", klagte Nicole.

„Mensch, tut mir leid, du Ärmste. Und ich hau’ dich auch noch in die Pfanne. Ich besuch’ dich natürlich sofort. Bis später!"

Nicoles Missgeschick drängte ihren eigenen Kummer eine Zeitlang in den Hintergrund. Sie schlüpfte nur schnell in ihre Turnschuhe und machte sich auf den Weg ins Städtische Krankenhaus. Am Kiosk erstand sie ein paar Rätselzeitschriften und schließlich fragte sie an der Information nach Nicoles Zimmernummer. Als sie endlich in der Orthopädie im dritten Stock angekommen war, versuchte sie ein freundliches Gesicht zu machen. Schließlich sollte Nicole nicht sofort merken, wie es um ihr Seelenheil bestellt war. Dann öffnete sie tapfer die Tür zu Zimmer 313.

„Na, was machst du denn für Sachen. Dich kann man ja auch keinen Augenblick alleine lassen", begrüßte sie Nicole mit gespielter Heiterkeit. Die Freundin lag in einem hellen Zweibettzimmer am Fenster, hatte den linken Fuß bis Kniehöhe eingegipst und winkte sie schmunzelnd zu sich.

„Alles halb so wild. Ich bin einfach nur blöd umgeknickt und da ist es halt passiert. Aber nächste Woche darf ich schon wieder heim. Scheint auch nötig zu sein, wenn ich dich so ansehe", diagnostizierte Nicole treffsicher, die ihre fröhliche Unbekümmertheit längst wiedergewonnen hatte und viel mehr daran interessiert war, was es denn nun mit diesem ominösen Anruf von Fabian Bergkamp auf sich hatte. Dann erzählte ihr Jasmin die ganze traurige Geschichte. Nicole machte ein nachdenkliches Gesicht hörte geduldig zu. Einen Trost hatte sie nicht parat, aber irgendetwas störte sie an der Sache doch. Weshalb ruft einer an, wenn er eine Frau daheim hat? fragte sie sich.

„Jetzt habe ich dich aber lange genug mit meinen Problemen genervt. Du bist ja eigentlich die Kranke", sagte Jasmin endlich und verabschiedete sich von ihrer „Kummerkastentante".

In den nächsten Tagen änderte sich der Stundenplan von Jasmin nicht: Aufstehen, frühstücken, Fahrt ins Büro, am frühen Abend die Besuche im Krankenhaus. Allein zuhause zog sie sich mit Ambrosius auf die Couch zurück, glotzte gelangweilt in die Mattscheibe und versuchte diesen Fabian Bergkamp aus dem Gedächtnis zu streichen.

„Es gibt ja noch genügend andere Männer!" redete sie sich dabei ein.

Als sie am Donnerstag wieder bei Nicole im Krankenhaus auf der Matte stand, strahlte sie die Freundin schon an: „Morgen werde ich endlich entlassen. Kannst du mich dann abholen und mir tragen helfen? Ich darf vorerst nämlich nur auf Krücken gehen!"

Klar konnte sie. Und pünktlich wie abgemacht, klopfte Jasmin am Freitag um 16.00 Uhr an die Tür von Zimmer 313. Als sie öffnete, staunte sie nicht schlecht. Außer Nicole stand auch noch ein gewisser Fabian Bergkamp mit einem Riesenstrauß orangefarbener Gerbera am Fenster und probierte den Ansatz eines Lächelns.

„Hallo, Jasmin", begann er umständlich und der lässige Lausbubencharme war ihm völlig abhanden gekommen, „seit unserem ersten Treffen im „Hancock" bist du mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen, aber du hast mir ja keine Chance gegeben. Dabei ist alles nur ein großes Missverständnis."

Er stand immer noch da wie einer begossener Pudel und wusste nicht so recht weiter. Jasmin ging es nicht viel besser. Einerseits war sie froh ihn zu sehen, aber dann hätte sie ihn am liebsten wieder in die Wüste geschickt. Diese Sabine von der Mailbox stand wie eine Mauer zwischen ihnen. Nicole hatte die Situation wie immer blitzartig erfasst und erzählte ihrer Freundin dann, warum sie Fabian ebenfalls zum Krankentransport gebeten hatte: „Weißt du, mir war schon nach dem ersten Treffen von euch beiden in der Disko klar, dass es peng gemacht hatte. Und eine zweite Chance verdient doch jeder, oder? Also habe ich gestern bei Fabian angerufen. Diesmal war er auch zuhause und ließ sich nicht vom Blechautomaten vertreten. Ja, und dann hat er mich über diese Sabine aufgeklärt. Das ist seine jüngere Schwester, du Dummerchen. Die beiden wohnen zusammen, studieren an derselben Uni und da ist es eben billiger, nur einmal Miete zu zahlen. Und verheiratet ist er natürlich auch nicht. Nur verliebt. Und zwar in dich! Aber das kann er dir ja hoffentlich selber sagen, wenn du ihn lässt. Dazu braucht ihr mich ja nicht mehr." Kaum hatte Nicole den letzten Satz beendet, wurde sie auch schon von Jasmin geherzt und gedrückt.

„Heb’ dir das für Fabian auf. Der wartet nämlich schon auf dich", sagte Nicole schließlich mit gespieltem Ernst. Jasmin und Fabian ließen sich nun nicht mehr zweimal bitten und fielen sich in die Arme. Dann schnappte sich jeder der beiden eine Tasche von Nicole und sie verließen das Krankenhaus. Zum Abschied meinte sie fast ein wenig wehmütig: „War doch gar nicht so übel hier, oder. Die flicken nicht nur morsche Knochen, manchmal werden auch einsame Herzen zusammen geführt."

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