Nur weil man zusammen mit seinem Bruder ein Hotel geerbt hat und man mit seiner Geschäftspolitik nicht einverstanden ist, muss man ihn doch nicht gleich umbringen, oder? Aber vielleicht war er ja wirklich ein Kotzbrocken.

 

Auch der Tod ist nicht umsonst

„Verdammt noch mal, Benno! Wenn wir uns nicht auf diese Kaffeefahrten einlassen, können wir den Laden zusperren!" Außer sich vor Wut knallte Tim Becker die Mappe mit den Verträgen auf den Schreibtisch seines Bruders.

„Nur über meine Leiche, Tim. Eine Verkaufsveranstaltung im ‚Meidericher Hof’ wird es mit mir nicht geben. Das habe ich dir schon vor ein paar Wochen erklärt", antwortete Benno ungerührt.

„Wie du willst, Bruderherz. Dann eben ohne dich", erwiderte Tim vielsagend. Er hatte längst einen Plan, wie er den verhassten Konkurrenten aus dem Weg räumen wollte. Zu lange stritten sie nun schon um die Zukunft ihres Erbes. Ihr Vater hatte den beiden zu gleichen Teilen ein Hotel, den ‚Meidericher Hof’, hinterlassen. Wichtige Entscheidungen mussten einstimmig getroffen werden. Das hatte der alte Becker in seinem Testament so verfügt. In den ersten Jahren lief das Geschäft auch blendend. Sie hatten ausgezeichnete Umsätze bei stetig steigendem Gewinn. Aber so ein Hotelbetrieb verursacht auch hohe Kosten. Und während der sparsame Benno am liebsten jeden Euro auf die Bank getragen hätte, sah Tim nur eine Chance zum Überleben und das bedeutete: investieren. Ein Saunabereich mit Hallenbad schwebte ihm ebenso vor wie ein Fitnessraum. Doch bei all dem winkte Benno nur ab. Und so fühlte sich Tim im eigenen Betrieb mehr und mehr als Statist. Die Wut auf den Bruder wurde stärker.

Dann, vor ein paar Wochen, flatterte Tim ein Brief auf den Schreibtisch. Ein seriöser Reiseveranstalter wollte die Tagungsräume ihres Hotels bis auf weiteres mieten, um dort einem interessierten Publikum seine Produkte vorzustellen. „Kaffeefahrten! Bist du verrückt", brüllte ihn Benno damals an. Das brachte das Fass schließlich zum Überlaufen. Tim beschloss, seinen Bruder zu beseitigen. Mit Bennos Ehefrau Margot, so dachte er, würde er schon klar kommen.

Nach der Auseinandersetzung mit Tim brauchte Benno erst einmal frische Luft. Er wollte deshalb ein paar Kilometer raus aufs Land fahren mit seinem alten Opel Admiral, den er noch von seinem Vater bekommen hatte und an dem er, zusammen mit Margot, die seine Begeisterung teilte, in jeder freien Minute herum schraubte. Und zwar so gut, dass sie damit auch an Oldtimer-Rennen teilnehmen konnten. Die Liebe zu Originalbauteilen ging so weit, dass lediglich ein Kassettenrecorder als Vertreter der Neuzeit geduldet wurde. Den schaltete Benno immer ein, wenn er eine Spritztour machte. Er staunte daher nicht schlecht, als er die Stimme seines Bruders hörte: „Hallo Benno, wie du siehst, lasse ich mir immer etwas einfallen. Das ist ja der einzige Ort, wo ich sicher sein kann, dass du mir auch zuhörst. Ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass du dich nicht mehr länger mit mir herum ärgern musst. Du hast es überstanden, mach’s gut!"

Noch bevor sich Benno wundern konnte, was die seltsame Botschaft seiner Bruders wohl bedeuten könnte, war er tot. Mit dem Drehen des Zündschlüssels löste er einen Sprengsatz aus, den Tim am Unterboden des Oldtimers angebracht hatte.

„Frau Margot Becker?", fragte Hauptkommissar Kurt Engel, als ihm die Tür zur Villa von Benno Becker geöffnet wurde.

„Ja, bitte. Was kann ich für Sie tun?"

„Es tut mir sehr leid, aber ich fürchte, ich habe eine sehr traurige Nachricht. Ihr Ehemann ist bei einer Explosion umgekommen."

„Eine Explosion? Was reden Sie da. Dann war es Mord. Tim, dieses Schwein. Er hat Benno auf dem Gewissen." Völlig aufgelöst und verzweifelt warf Margot dem Kommissar ein paar Gedankenfetzen an den Kopf. Der hörte auch aufmerksam zu und machte sich Notizen. Dass er es mit einem Mord zu tun hatte, stand auch für ihn außer Frage. Ein Auto fliegt schließlich nicht einfach so in die Luft!

Engel und sein Team nahmen die Ermittlungen auf. Tim wurde vorgeladen und verhört. Aber er blieb völlig cool, denn er wusste, dass man ihm nichts nachweisen konnte. Was nutzte das schönste Motiv ohne Beweise!

In Bennos Wagen wurde die Spurensicherung nicht fündig. Die Sprengladung hätte ausgereicht, um einen ganzen Wohnblock in die Luft zu jagen.

Tim wähnte sich seinem Ziel daher immer näher. Kurz nach der Beerdigung seines Bruders nahm er Kontakt zu Margot Becker auf.

„Margot, es ist ja kein Geheimnis, dass Benno und ich nicht immer einer Meinung waren. Aber gerade in den letzten Tagen vor seinem Tod sind wir uns wieder näher gekommen. Er wollte sogar den Vertrag mit dem Reiseveranstalter unterschreiben." Tim Becker zog wirklich alle Register. Und es schien auch so, dass seine Taktik erfolgreich sein könnte.

„Tim, entschuldige bitte. Aber gib mir doch noch ein paar Tage Zeit", vertröstete Margot ihren Schwager. Der Kerl glaubt tatsächlich, mich für blöd verkaufen zu können! dachte sie verbittert.

Zwei Tage später bekam Margot erneut Besuch von Hauptkommissar Engel.

„Gibt es Neuigkeiten von meinem reizenden Schwager, Herr Kommissar? Haben Sie ihn endlich festgenagelt?"Margot zeigte unverhohlen ihre Abneigung gegen Tim. Aber das konnte ihr niemand zum Vorwurf machen.

„Das könnte man so sagen, ja. Er ist mit seinem Wagen von der Straße abgekommen. Er war auf der Stelle tot. Ein Reifen hat sich gelöst. Wahrscheinlich wurde in der Werkstatt gepfuscht, da war das Fahrzeug nämlich zur Inspektion."

„Es gibt also doch so etwas wie eine höhere Gerechtigkeit", sagte Margot und nickte Engel zufrieden zu. Die Akte im Mordfall Becker wurde geschlossen. Margot verabschiedete sich von Kurt Engel und schloss die Tür. Auf ihrem Rückweg ins Wohnzimmer wäre sie beinahe über den Werkzeugkoffer mit den Schraubenschlüsseln gestolpert. Den muss ich gleich aufräumen! sagte sie sich. Ordnung muss schließlich sein.

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