Dienstag, 05.05.2015 (Istanbul, Türkei)

Heute war um 5.58 Uhr Sonnenaufgang, um diese Zeit schliefen wir noch den Schlaf des Gerechten. In weiser Voraussicht hatten wir für den zweiten Istanbul-Tag keinen Ausflug gebucht und konnten daher ausschlafen. Regeneration war nämlich dringend nötig. Wir ließen es daher gemütlich angehen und trudelten erst nach neun Uhr zum Frühstück ein, das wir uns bei herrlicher Kulisse wieder im Freien schmecken ließen. 

Bei jetzt schon sommerlichen Temperaturen machten wir uns dann auf den Weg, der jedoch bereits am Terminal endete, weil wir uns zunächst an der Tourist-Info (die übrigens nicht immer und nur unregelmäßig geöffnet hat!) eine Metro-Map besorgten. Heute wollten wir das Abenteuer Istanbul auf eigene Faust angehen. Dazu orientierten wir uns am Terminalausgang dann nach links. Bis zur Haltestelle der Tram marschierten wir bestimmt zehn bis fünfzehn Minuten, wie schon erwähnt, sind die Entfernungen hier zum Teil gewaltig. Die Tram-Station befindet sich auf der Mittellinie der sehr stark befahrenen Straße. Am Ticketautomaten warfen wir acht 1-Lira-Münzen ein und erhielten dafür zwei rote Jetons. Diese wirft man am Drehkreuz in den dafür vorgesehenen Schlitz und dann kann man seine Fahrt antreten, die auch ein evtl. Umsteigen beinhalten darf. Der Preis für eine einfache Fahrt beträgt damit etwa 1,10 Euro. Die erste Hürde hatten wir also vergleichsweise einfach genommen, die anschließende Straßenbahnfahrt gingen wir dann schon gleich wesentlich entspannter an. Da wir auch noch das Glück hatten, einen Sitzplatz zu ergattern, konnten wir das Treiben um uns herum und draußen auf den Brücken beobachten. Wir sahen die Angler auf der Galata-Brücke oder die hier typischen mobilen Verkaufsstände, auf denen alles was essbar ist, angeboten wird. 

Und wir sahen vor allem eines: Istanbuler, die mit dem Smartphone unterwegs waren, telefonierten, gestikulierten, gleichzeitig eine Zigarette rauchten oder einen Kaffee tranken. Vermutlich gibt es in Istanbul wesentlich mehr Smartphones als Einwohner, aber seit unserem Aufenthalt dort steht für mich fest: das Smartphone MUSS eine türkische Erfindung sein!

An der Haltestelle "Grand Bazar" stiegen wir aus und erreichten nach wenigen Minuten erneut diese riesige überdachte Konsumstadt mit ihren tausenden Läden und Geschäften. Das Hinkommen war geradezu ein Kinderspiel, dann wurde es jedoch schnell verwirrend, denn nur wenig später hatten wir komplett die Orientierung verloren. Dieser Umstand beunruhigte uns aber nicht weiter, denn wir hatten ja Zeit. Praktisch fanden wir, dass sich Geschäfte mit ähnlichem Warenangebot, z.B. Schmuck, in denselben Gassen befinden. Für Preisvergleiche muss man dann nicht kilometerweit laufen.

Wir erfreuten uns an dem geschäftigen Treiben in den unzähligen Ladenstraßen und dem farbenfrohen Warenangebot. Egal ob Keramik, Lampen, Leder-Jacken, T-Shirts, Postkarten oder oder oder. Das Angebot ist derart vielfältig, dass einem schier schwindlig wird, wenn man nicht gerade eine Frau ist.

Nach einer Stunde hatten wir aber dann doch genug gesehen, fragten nach dem Weg zur Sultan-Achmet-Moschee und gingen los. Nach ein paar Minuten Fußmarsch wurden wir vom Muezzin unsanft auf den Boden der türkischen Realität geworfen.

Diese unmissverständliche Art, die Gläubigen zum Gebet zu bitten, ist für mitteleuropäische Ohren durchaus gewöhnungsbedürftig, entbehrt aber nicht einer gewissen Komik. Nach diesem Intermezzo setzten wir jedoch unseren Weg fort und erreichten wenig später den "Park der Sehenswürdigkeiten". Die Menschenschlange vor der Hagia Sophia schreckte uns ab, aber heute konnten wir trotzdem den Geist aus 1001er Nacht erneut aufsaugen.

Die Eleganz der Minarette beeindruckte uns genau so wie die Farbenpracht der Gärten. Einfach großartig! Ein Abstecher zum Topkapi-Palast endete leider abrupt, weil er an diesem Tag geschlossen war.

Durch die WDR-Sendung "Wunderschön" wurden wir auf die historische Tram aufmerksam, die auf der Haupteinkaufsstraße Istiklal Caddesi verkehrt und bis zum Taksimplatz fährt. Mit dieser Bahn wollten wir noch einmal Istanbul-Flair einatmen. Also ging es mit der "T1" zurück zum Goldenen Horn. Dort stiegen wir in die ebenfalls historische, 1875 erbaute und 614 Meter lange Tunnel-Bahn, um. Den Tip bekamen wir von einem Reiseleiter, der neben uns in der T1 saß.

Verlässt man die Tunnel-Bahn, sieht man rechter Hand auch schon die rot-weiße Tram, deren Handhabung an die berühmte "Electrico 28" in Lissabon erinnert.

Im Kriechtempo, begleitet von johlenden Straßenkindern, ächzt und stöhnt sich das Bähnchen durch die Menschenmassen. Am Taksim-Platz steigen wir aus und bestaunen erst einmal die Weite dieses Ortes, der durch die Demonstrationen vor zwei Jahren international bekannt geworden ist.

Unter sengender Hitze machten wir uns dann zu Fuß auf den Rückweg. Zwischendurch hatten wir zum Preis von einer türkischen Lira eine Sesam-Breze erstanden, die den gröbsten Hunger etwas linderte. Auf der Istiklal Caddesi, die vermutlich auch dann noch übervoll wäre, wenn sie zehn Meter breiter wäre, spielt sich das pralle Leben einer Großstadt ab.

Hier sitzt der Bettler am Straßenrand, während ein in einen dunklen Anzug gekleiderter und natürlich telefonierender Einheimischer vorbei hastet. Man sieht Männer, die mit fünf oder sechs Bananen, die halb verfault sind, vor Touristen stehen bleiben und sie zum Kauf anbieten. Der orientalische Traum hat sich für viele längst zum Albtraum entwickelt. So fiel uns z.B. ein älterer Mann auf, der ebenfalls am Straßenrand hockte und Leute animierte, sich auf eine Digitalwaage zu stellen. Da ich um diese Zeit schon gefühlte fünf Kilo zugenommen hatte, ersparte ich mir die Konfrontation mit den nackten Zahlen.

Auf etwa halber Strecke blieben wir stehen und warteten auf die gemächlich dahin zuckelnde Tram, mit der wir wieder zur Tunnel-Bahn zurück kehrten.

An der Haltestelle Karaköy stiegen wir dann in die "T1" und waren wenig später im Hafengebiet angekommen, wo uns die Albatros schon begrüßte.

Kurz nach 16.00 Uhr waren wir wieder an Bord und einigermaßen kaputt von den Anstrengungen der letzten beiden Tage. Es waren nicht allein die Entfernungen, die uns zu schaffen machten, wir hatten auch mit der Hitze zu kämpfen. Heute nahmen wir das Abendessen wieder im Freien ein, weil wir das Auslaufen um 20.00 Uhr miterleben und genießen wollten. Dabei hatten wir auch den einen oder anderen geflügelten Besucher zu Gast, der hungrig auf unser Essen schielte.

Dann war es so weit, die Leinen wurden gelöst, das Horn ertönte und zu den Melodien von "Verrückt nach Meer" und "Conquest of Paradise" glitt die Albatros in den zu Ende gehenden Tag hinein. Im Dämmerlicht zogen am Horizont noch einmal "Die Großen Drei" - Topkapi Palast, Hagia Sophia und Blaue Moschee an uns vorbei. Die Skyline von Istanbul verabschiedete sich mit einem letzten Funkeln in der untergehenden Abendsonne.

Die einzigartigen Eindrücke aus 1001er Nacht begleiteten uns heute auch in unseren Träumen. Aber viel Zeit zum Verarbeiten des Gesehenen blieb nicht, denn die Reise hielt noch weitere Höhepunkte für uns bereit. Schon am nächsten Tag warteten die Ausgrabungsstätten des antiken Filippi auf uns. Kommen Sie mit!

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