Frauen sind wunderbare Wesen. Sie regen uns Männer an, manchmal regen sie uns auch auf. Denn schon früh entwickeln sie einen eigenen Geschmack für Mode. Und wer sagt eigentlich, dass man nicht schon im zarten Alter von vier Jahren Ohrringe haben kann? Lesen Sie die Geschichte "Wer den Schaden hat", die 1999 im "Michaels-Kalender" veröffentlicht wurde, und Ihnen werden die Augen aufgehen!

 

Wer den Schaden hat

Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Während ich in meiner Jugendzeit noch stolz darauf war, in superbreiten Schlaghosen in die Disco gehen zu können und aufpassen musste, dass ich mit meinen hohen Plateauschuhen auf der Tanzfläche nicht über meine eigenen Beine stolperte, können die Kids heutzutage über derlei modischen Firlefanz nur noch verständnislos den Kopf schütteln. Da machen ein paar Löcher in der Jeans und eine knallige grüne Frisur doch gleich viel mehr Eindruck auf die Mädchen. Wenn man dann auch noch über den passenden Schmuck verfügt, ist das Outfit nahezu perfekt. Darüber machte ich mir freilich nie Gedanken, ein Ehering sollte für einen Mann eigentlich genügen.

Zwischenzeitlich hat mich allerdings unser mittlerweile siebenjähriger Filius Stefan eines Besseren belehrt. An seinem rechten Ohrläppchen glitzert bereits seit einigen Monaten ein kleiner Silberring. Aber solange er sich noch keine Sicherheitsnadeln durch die Nase treibt, stört mich das nicht sonderlich. Ich rechnete allerdings nicht damit, dass Katrin sich ihren Bruder im zarten Alter von gerade mal vier Jahren zum Vorbild nehmen könnte.

Wir saßen alle gemütlich auf der Terrasse und frühstückten. Es war einer der ersten wärmeren Sommertage, der auf eine schöne Badesaison hoffen ließ. Meine Gattin Sonja hatte den Tisch, wie immer am Wochenende, reichlich gedeckt und schmierte für unsere Kleine gerade das geliebte Nutellabrötchen. Aber Katrin wirkte an diesem Samstagmorgen irgendwie abwesend. Sie starrte ständig ihren Bruder an.

Stefans Reaktion, der seine Autorität als Platzhirsch gefährdet sah, ließ auch nicht lange auf sich warten.

"Was glotzt du mich denn pausenlos an? Wenn du fernsehen willst, schau dir gefälligst Fred Feuerstein an."

Sonja, deren Harmoniebedürfnis ins Wanken zu kommen schien, wollte erst gar keinen Ansatz eines Streites aufkommen lassen. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, kam ihr Katrin zuvor.

"Duhu, Stefan, hat das eigentlich sehr weh getan?" wollte sie von ihrem Bruder wissen.

Wir sahen uns alle einigermaßen verwirrt an, unterdessen beobachtete die Kleine weiterhin fasziniert den Ohrring von Stefan.

"Ja, deine Fragerei schmerzt schon arg. Was willst du überhaupt," giftete unser Ältester zurück.

"Na, das Ohrringstechen, meine ich." klärte ihn Katrin auf. Endlich wussten wir, was die Ursache ihrer scheinbaren Apathie war. Der Zeitgeist hatte nun auch von ihr Besitz ergriffen. Ich schüttelte verständnislos den Kopf, was mir allerdings nur einen belehrenden Blick der Hausfrau einbrachte, die wie immer größtes Verständnis für unsere Jüngste hatte und deshalb gleich nachhakte:

"Nein, da brauchst du keine Angst zu haben. Das ist nur ein kleiner Piekser, den spürst du kaum. Möchtest du etwa auch so einen Ohrring haben?"

Die Augen von Katrin begannen zu glänzen.

"Mensch, Mami, das wäre prima. Ich möchte aber schon zwei Ohrringe, schließlich bin ich ja ein Mädchen. Fahren wir am Montag gleich in die Stadt, ja?!"

Jetzt hatten wir den Salat. Ich nahm Sonja zur Seite und verschwand mit ihr für einen Augenblick in die Küche. Endlich hatte auch meine Gattin begriffen, dass es der Kleinen ernst war mit diesem modischen Spleen.

"Mit der Baderei ist es dann Essig. Nach dem Stechen muss man vorsichtig sein, da kann es nämlich immer zu Entzündungen kommen," konstatierte meine Frau.

Jetzt galt es nur noch, Katrin von diesen lauernden medizinischen Gefahren zu überzeugen. Man sah ihr an, wie es in ihr brodelte. Sie schien innerlich abzuwägen, was ihr wichtiger war: ein Paar Ohrringe, für die ihr die Aufmerksamkeit aller Kindergartenschönlinge sicher war, oder ein unbeschwerter Badespaß mit Rumplanschen, Wasserrutschen und Springen vom 1-Meter-Brett.

"Na gut, ihr habt mich überzeugt. Ich will mir den Sommer schließlich nicht verderben und nur wegen Maximilian lasse ich mich auch nicht in die Ohren pieksen!"

Jetzt war es also endlich raus. Maximilian hieß der kleine Kavalier, der unserer Tochter derlei Flausen in den Kopf gesetzt hatte. Aber zum Glück schien diese Gefahr ja fürs erste gebannt. Sonja und ich atmeten hörbar tief durch.

Stefan, der seine Autorität als älterer Bruder nun auch wieder gefestigt sah, schlug Katrin gönnerhaft auf die Schulter:

"Gehen wir zusammen schaukeln?" Noch vor kurzem wäre ihm eine solch großzügiges Angebot an ein Mädchen nie über die Lippen gekommen, aber Stefan war an diesem Samstagvormittag in Geberlaune. Er strahlte mit seinem Ohrring um die Wette, der bis auf weiteres der einzige in der Familie bleiben sollte.

Während sich die Kinder tobend aus dem Staub machten, genossen Sonja und ich die lauen Sonnenstrahlen, die nicht nur den Kaffee wärmten, sondern auch unsere Herzen. Wir konnten uns aber nicht lange an der trauten Zweisamkeit erfreuen. Ein ohrenbetäubendes Schluchzen riss uns in die Wirklichkeit zurück. Mit verweinten Augen und schmerzverzerrtem Gesicht verharrte Katrin am Gartenzaun, der ältere Bruder stand ihr schützend zur Seite und berichtete hastig, was passiert war: "Ich glaube, Katrin hat sich den Arm gebrochen. Beim Runterklettern von der Schaukel ist sie ausgerutscht und auf den Arm gefallen."

Die Befürchtung von Stefan bestätigte sich bald. Trotz knapper Wochenendbesetzung mussten wir in der Notaufnahme nicht warten, sie beorderten Katrin gleich zum Röntgen. Der diensthabende Kinderarzt nahm die Sache aber nicht weiter tragisch: "In ein paar Wochen ist der Arm wieder ganz, dann kannst du auch wieder schwimmen gehen."

Er wusste allerdings nicht, was er mit dieser scheinbar belanglosen Bemerkung angerichtet hatte. Noch während des Eingipsens meinte unsere aufgeweckte Kleine: "Siehst du Mami, jetzt können wir am Montag doch noch in die Stadt fahren zum Ohrringstechen, Baden kann ich in nächster Zeit ohnehin nicht."

 

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