Bestsellerstory

Die folgende Story ist ein echter Bestseller. Insgesamt fünfmal wurde diese heitere Kurzgeschichte in den verschiedensten Printmedien abgedruckt. Lesen auch Sie, wie es manch gestresstem Familienvater beim Ablichten des Nachwuchses ergehen kann.

 

"Bitte recht freundlich!" Aber was nützt das Ganze, wenn unser Fotoobjekt einfach keine Lust hat!

Das Fotowunder

Viele von Ihnen besitzen einen Fotoapparat, oder zumindest das, was man gemeinhin dafür hält. Kürzlich habe ich auch eines dieser kleinen Wunderteile erworben, eine Digitalkamera, kaum größer als eine Streichholzschachtel. Fotografieren ist damit das reinste Kinderspiel. Vorausgesetzt man möchte damit nicht unbedingt meinen Sohn ablichten.

Kleinkinder eignen sich zwar hervorragend als Motiv, da sie ständig irgendwelchen Unfug anstellen. Aber gerade hier liegt schon wieder eine gewisse Schwierigkeit: Wenn es gilt, die Entfernung sicher zu taxieren und ein freundliches Lächeln zu erbitten, haben Kinder in der Regel wenig Verständnis für „Stillhalteabkommen" jeglicher Art.

Unser Sohn scheint hier keine Ausnahme zu machen. Mit seinen knapp 21 Monaten ist er ein Energiebündel ohnegleichen: Kein Kochtopf ist vor ihm sicher, keine Süßigkeit noch so gut versteckt, als dass er sie nicht riechen würde. „Hamma haben!" lautet seine Devise, und da wir, meine kinderliebende Gattin und ich, ständig um sein Wohlergehen besorgt sind, mangelt es ihm an nichts, allenfalls an Verständnis für seine geplagten Eltern! Meine Frau wiederum ist in dieser Beziehung völlig anderer Meinung:

„Man kann ein Kind nicht wie einen Erwachsenen behandeln!" muss ich mir des öfteren anhören.

Insbesondere was die Fotografiererei betrifft, bin ich offenbar gehörig auf dem Holzweg. War ich bislang immer der Ansicht, ein Objekt bildfüllend im Sucher haben zu müssen, so musste ich diesbezüglich nach der Geburt unseres Sohnes, spätestens aber seit er laufen kann, Abstriche machen.

Man glaubt nicht, wie flink diese kleinen liebenswerten Schreihälse sein können, wenn sie partout nicht fotografiert werden wollen. So kommt es nicht selten vor, dass eine Aufnahme gänzlich nur aus einem wundervollen Hintergrund besteht - mit dem linken Fuß des von der Bildfläche verschwundenen Sohnemanns. Die Aufnahmen wären oftmals noch vollkommener, wenn dem Betrachter anstatt eines griesgrämigen Gesichts ein freudestrahlender fröhlicher Mensch entgegenblicken würde. In solchen Fällen ist Geduld angesagt, schließlich hat auch der kleine Erdenbürger Anspruch auf seine Launen. Keiner kann erwarten, dass man den ganzen Tag vor sich hingrinst, besonders dann, wenn es sich der Herr Papa einbildet. Fremde bekommen daher leicht den Eindruck, ein verängstigtes und depressives Kind vor sich zu haben, wenn sie meine fotografischen Meisterwerke betrachten. Um meinem Sohn unnötigen Ärger zu ersparen, habe ich in jüngster Zeit aufs Fotografieren verzichtet.

Wir waren darum hocherfreut, als wir unlängst Besuch von einem guten Freund bekamen, der uns stolz seine neuerworbene digitale Spiegelreflexkamera vorführen wollte.

„Euer Sohn wäre doch ein ausgezeichnetes Motiv", meinte er voller Tatendrang. Selbstverständlich wollten wir nicht unhöflich sein und holten ihn aus der Küche, wo er gerade diverse Schubläden unter die Lupe nahm. Der Knirps, mit technischem Gerät mittlerweile bestens vertraut, bemerkte angesichts des Fotoapparats: „Onke Fotto!"

Unser Freund war verständlicherweise begeistert, er dirigierte unseren Sohn dorthin, wo er ihn haben wollte, deutete ihm, dass er lächeln solle und nach Möglichkeit ruhig sitzen. Nun, was soll ich sagen? Als ob es das Normalste der Welt wäre, ließ unser Kind (ich war mir gar nicht mehr sicher, dass es wirklich unser Kind war) ungefähr zehn Aufnahmen von sich machen. Er saß wie eine Eins, lächelte wie ein kleiner Engel, kurz: das ideale Modell. Die entwickelten Aufnahmen bekamen wir zwischenzeitlich auch zu Gesicht; sie sind wunderbar geworden. Wir ließen gleich ein halbes Dutzend Abzüge machen und belieferten damit diverse Agenturen für Werbefilme. Man wollte unseren Sohn haben. Noch bevor wir ihn vorgestellt hatten, begann er ein Mordsgeschrei, flitzte davon und blieb einige Stunden verschwunden.

Jetzt hat unser Freund, der mit der Kamera, eine Agentur eröffnet. Seitdem strahlt unser Sprössling wieder ins Objektiv - und von diversen Plakaten...

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