Wenn Sie der Meinung sind, Engel wären himmlische Wesen, muss ich Sie leider enttäuschen. Auch auf der guten alten Erde begegnen sie einem mitunter. Aber verkleidet und auch nicht so wie Sie vermuten. Aber lesen Sie selbst!

 

 

 

Auch Engel können biestig sein

 

Das Menschengewühl im Zubringerbus geht mir gewaltig auf die Nerven. Alles Urlauber, tolle Stimmung und ich mittendrin! Ich muss nämlich geschäftlich nach Izmir fliegen. Aber wer weiß, vielleicht wird es zwischen all der guten Laune doch ein angenehmer Flug. Schließlich dauert er ja nur zwei Stunden. Noch ganz in Gedanken gehe ich durch die Sitzreihen zu Nr. 17. Die Stewardess lächelt mich freundlich an und weist mir meinen Fensterplatz zu.

"So, Laura, du setzt dich neben den Herrn, ich bin gleich neben dir und der Papa ist in der mittleren Reihe. Alles klar, mein Engel", flötet eine junge Dame Ende zwanzig ihrer vielleicht fünfjährigen Tochter zu. Ich hebe nur kurz den Kopf und wundere mich, weshalb sie diese Laura direkt neben mir platziert haben.

Da mir die Konferenz im Nacken sitzt, mache ich mich aber wieder umgehend an die Arbeit an meinem Laptop. Diesen wiederum hält meine kleine Sitznachbarin offenbar für eine Art Gameboy. Jedenfalls betatscht sie mit ihrer linken Hand die Tatstatur.

"Nein, das braucht der Onkel noch", sage ich etwas lauter und schon leicht angesäuert.

"Du bist gar nicht mein Onkel", erwidert der Engel angriffslustig. Engel habe ich mir sowieso ganz anders vorgestellt. Diese Laura kann jedenfalls keiner sein. Sie ist übergewichtig, stopft Kartoffelchips in sich hinein und ist vorlaut.

"Mama, der böse Mann lässt mich nicht mit seinem Computer spielen." Mindestens vier Augenpaare richten sich gleichzeitig auf mich, die zwei der Eltern gehören natürlich dazu.

"Das kann ich mir nicht vorstellen, mein Engel. Bestimmt hat der Mann auch ein Spiel für Kinder auf seinem Computer, nicht wahr?" säuselt die Engelsmutter und sieht mich dabei fordernd an.

Zum Glück befinden wir uns mittlerweile in der Luft, und die Stewardessen schieben ihr Wägelchen mit den Getränken und der Bordverpflegung durch den Gang.

"Ich möchte eine Cola", erklärt der übergewichtige Engel. Ich bringe mein Laptop gerade noch rechtzeitig in Sicherheit, bevor sich ein Schwall der braunen Brühe über mein High-Tech-Gerät ergießt. Der Computer bleibt immerhin verschont, aber meine Hose bekommt eine volle Breitseite ab.

"Das hast du doch absichtlich gemacht, du Göre." Ich kann vor Ärger kaum an mich halten, zumal die Mama ihrem Balg auch noch tatenlos zusieht. Vom Vater ist während der ganzen Zeit nichts zu hören. Was ein kurzweiliger, entspannter Flug werden sollte, entpuppt sich zunehmend als Horrortrip.

"Mama, der Mann hat Göre zu mir gesagt", hallt es durch den Flieger. Mindestens acht Personen schauen mich vorwurfsvoll an. Die Mutter ist es schließlich, die die Meinung der anderen auf den Punkt bringt: "Leute wie Sie sollte man einsperren. Unerhört", sagt die Engelmama empört.

Meine hilflosen Erklärungsversuche verpuffen ungehört. Von nun an bis zur Landung in Izmir werde ich unerbittlich beobachtet. Der Unschuldsengel stopft wieder Kartoffelchips in sich hinein und streckt mir während der kurzen Esspausen immer wieder die Zunge heraus.

Nach der Ankunft in Izmir schicke ich ein kurzes Stoßgebet zum Himmel. Sicher ist es bei einem richtigen Engel angekommen, denn der Arbeitsbesuch verläuft überraschend erfreulich.

Wochen nach dem Erlebnis mit dem widerlichen Engel erreicht mich ein Brief der Fluggesellschaft. Sie teilen mir mit, dass ich künftig auf ihre Dienste verzichten muss. Na ja, geschieht mir ganz recht. Was lege ich mich auch mit Engeln an!

 

Und, glauben Sie immer noch an Engel oder habe ich Sie zumindest etwas ins Überlegen gebracht? Vielleicht  sind solche Wesen sogar in Ihrer unmittelbaren Umgebung anzutreffen, womöglich noch in der eigenen Familie? Dann will ich nichts gesagt haben!

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