Die folgende Story wurde u.a. in der Zeitschrift "Wochenendrätsel" gedruckt, für die ich Mitte der 1990er Jahre als Stammautor tätig war.

 

Der unsichtbare Einbrecher

Anfangs hatte ich mir das alles prima ausgemalt. Ein neues Haus bietet doch auch viel mehr Möglichkeiten als eine enge Mietwohnung. Plötzlich hat man jede Menge Platz und trotzdem fehlte mir nach unserem Umzug etwas: ruhiger und gleichmäßiger Schlaf!

Die ersten Wochen in der neuen Bleibe stellten daher an meine körperliche Konstitution höchste Anforderungen. Kaum lag ich im Bett, trug Sonja auch schon erste Bedenken vor:

"Hast du das Licht im Wohnzimmer auch ausgeschaltet? Was ist mit der Küche? Ist die Heizung in der Toilette zurückgedreht?"

Diese und ein Dutzend anderer Fragen meiner reizenden Gattin wiederholen sich täglich. Aber was macht es schon aus, drei- oder viermal die Treppe hinauf und wieder hinunter zu laufen, um schließlich festzustellen: Der Weg war umsonst. Dieses regelmäßige Training hat nämlich den Vorteil, dass ich zwischenzeitlich die Ausdauer eines Langstreckenläufers habe. Aus dem Sportverein bin ich kürzlich ausgetreten und auch zur Skigymnastik gehe ich nur noch sporadisch.

Meine gute Kondition war auch sehr nützlich, als mich Sonja kürzlich auf Einbrecherjagd schickte. Ich hatte einen tollen Traum, doch plötzlich rüttelte mich jemand an der Schulter:

"Schnell Schatz, aufstehen." Ein verschlafener Blick auf meine Armbanduhr sagte mir, dass es erst 3.15 Uhr war. Also beschloss ich, die Stimme aus dem Hintergrund zu ignorieren. Das erneute Rütteln veranlasste mich zu einem unwirschen Gegrunze:

"Was ist denn los? Lass mich doch endlich wieder schlafen!"

"Du musst aufstehen, es ist jemand im Haus!" Mit der Nachtruhe war es nun endgültig vorbei.

"Das haben wir jetzt davon! Weil du auch nie die Haustür zusperrst!"

Eben, geschieht mir ganz recht! Schlaftrunken rappelte ich mich hoch.

"Und pass um Himmels willen auf !" hörte ich Sonja verzweifelt flüstern. Dann verschluckte mich die Dunkelheit und ich war allein.

Wohin sollte ich mich als erstes wenden? Bis ins Dachgeschoss zu Oma war der Einbrecher sicher nicht vorgedrungen, auf der Holztreppe hätte man seine Schritte gehört. Vielleicht hatte er sich in einem der beiden Kinderzimmer versteckt? Zaghaft setzte ich einen Fuß vor den anderen, der Teppichboden verschluckte jeden Laut. Im Zimmer von Stefan sah ich die Hand vor Augen nicht, die Jalousien verdunkelten alles. Ich hielt den Atem an. Einen Dritten musste man jetzt normalerweise atmen hören. Nichts geschah. Ich drehte mich um, aber da war es schon passiert: Mit voller Wucht knallte ich mit dem Kopf gegen den Türstock. Wenn ich diesen verfluchten Einbrecher erwischte, konnte er sich auf etwas gefasst machen!

Auch im Zimmer von Katrin war nichts weiter zu hören als das Klappern der Jalousie. Sollte Sonja vielleicht dieses Geräusch gemeint haben?

Ich ging ins Erdgeschoss, wo ich erst einmal das Licht im Wohnzimmer einschaltete. Man konnte ja nie wissen! Auf allen Vieren kroch ich unter dem Tisch hinter die Couchgarnitur. Aber außer ein paar Krümeln fand sich wieder keine heiße Spur. Die Suche schien vorbei.

Plötzlich schreckte mich ein Geräusch auf, das ohne Zweifel aus dem Keller kam. Ich bewaffnete mich mit einem Küchenmesser und schlich auf Zehenspitzen hinunter. Da war es wieder, dieses merkwürdige leise Rauschen, kaum wahrnehmbar, aber doch zu hören. Ich packte das Messer noch ein bisschen fester am Schaft. Jeder Muskel meines Körpers war angespannt, ich setzte zum Sprung an. Da war ein Lichtschein, vielleicht die Taschenlampe des dreisten Eindringlings! Todesmutig sprang ich nach vorn ...

Die Landung war unsanft. Mit einem lauten Krachen fiel ich über den Gefrierschrank, dessen rotes Licht immer anzeigt, dass er betriebsbereit ist.

Mit zwei schmerzenden Beulen am Kopf und zittrigen Beinen betrat ich wieder das Schlafzimmer. Die ängstliche Stimme meiner völlig aufgelösten Frau vernahm ich längst nur noch wie in Trance.

"Hast du ihn erwischt?"

"Wen, den Gefrierschrank?"

"Nein, den Einbrecher!"

"Ach so, nein, einen Einbrecher habe ich nicht gesehen und ich habe bei Gott gründlich gesucht. Und jetzt schlaf endlich!"

"Hast du auch im Heizungskeller nachgesehen? Das wäre ein gutes Versteck!"

"Aber ja! Glaube mir, es ist außer uns niemand da!"

Man brauchte den Frauen ja nicht alles auf die Nase zu binden, den Heizungskeller wollte ich mir nun wirklich ersparen. Verzweifelt bemühte ich mich, wieder einzuschlafen. Es klappte nicht.

Wieder ein Geräusch. Diesmal war es unschwer als Geschrei unserer Tochter auszumachen. 5.55 Uhr! In zehn Minuten würde ohnehin der Wecker plärren, da konnte ich auch gleich aufbleiben. Meine Kleine begrüßte mich quicklebendig und hocherfreut. Ihren Mund machte sie abwechselnd auf und zu, was heißen sollte: Gib mir doch endlich den Schnuller, Papa! Nachdem ich meine Tochter versorgt hatte, ging ich ins Schlafzimmer zurück, um meine Klamotten zusammenzusuchen.

"Siehst du bitte noch einmal überall nach, vielleicht ist der Fremde ja noch da. Ich habe mich bestimmt nicht getäuscht. Da war jemand."

Um also die Bedenken meiner Frau endlich zu zerstreuen, habe ich das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Oma konnte ich auch noch für meine Zwecke gewinnen. Gemeinsam rutschten wir auf dem Boden im Dachgeschoss herum, sahen in die mit Türen verschlossenen Winkel der Dachschrägen, öffneten die Dachfenster und stellten anschließend auch noch den Heizraum auf den Kopf. Zwischenzeitlich hatte ich meinen Chef angerufen und um einen freien Vormittag gebeten. In einer Tierhandlung erstand ich dann zwei Schäferhunde. Sie patrouillieren jetzt, jeder für sich einer vor und einer hinter unserem Reihenhäuschen. Seitdem hört man nachts nur noch das Bellen der Hunde.

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