Willkommen zu Teil II unserer vierwöchigen Rundreise "Von Niederbayern zum Nordkap und zurück". Die Route im zweiten Teil führt uns über Helsinki, Lahti, Kuopio, Iisalmi, Oulu, Rovaniemi und Inari zum Nordkap. Dabei legen wir 1.768 Kilometer zurück und haben manchmal das Gefühl, die Straße gehört uns allein. Begleiten Sie uns auf dem Weg durch die finnische Wälder- und Seenlandschaft, der die eine oder andere Überraschung zu bieten hat.

Wer Lust hat, kann im gesonderten Fotoalbum weitere 55 Bilder begutachten. Ich wünsche viel Spaß dabei!

Mittwoch, 17. Juni 2009

Tagesziel: Iisalmi, gefahrene Kilometer: 568, Übernachtung auf dem Campingplatz Lohirannan Lomakylä oy Kajaanintie 1619, 74340 Sukeva in einer 4-Personen-Hütte, Preis 40,00 Euro

 

 

 

 

 

Wecken in Helsinki: 6.45 Uhr. Ich habe in meinem Stockbett ganz wunderbar geschlafen und bin wider Erwarten auch nicht heruntergefallen. Heute haben wir Hoffnung auf ein paar Sonnenstrahlen. Ein "langer Kanten" steht uns bevor, etwa 600 km sind bis zu unserem Quartier, das nördlich von Iisalmi liegt, zurückzulegen.

Einen ersten Stopp legen wir in  Lahti  ein. Die gewaltige Skisprunganlage wirkt schon von Weitem ziemlich beeindruckend. Aus der Nähe ist die große Schanze dieses Wintersport-Mekkas beinahe furchteinflößend. Der 80m hohe Sprungtum der Riesenschanze fordert eine Besichtigung geradezu heraus. Zwischen Fußballstadion und Schwimmbecken gehen wir links außen um den Turm herum und gelangen so nach einigen Minuten Fußmarsch zum Turmeingang. Die Fahrt mit dem Aufzug kostet 5,00 Euro, der zum Turm führende Sessellift ist nicht in Betrieb. Oben angekommen pfeift es aus allen finnischen Rohren. Sommer bei 11 Grad. Wir haben uns das anders vorgestellt, aber die Einheimischen ignorieren das und gehen schwimmen.

Wir hingegen sitzen im Raum über dem Ablaufbakken, wo während des Wettkampfes Martin Schmitt und & Co. auf ihren Start warten. Uns wird allein beim Anblick ganz schwindlig. Die Rundsicht auf Lahti und Umgebung ist trotz fehlender Sonne fantastisch.

Wir schießen Fotos und treffen eine Gruppe aus Oberbayern, die mit dem Bus über das Nordkap angereist ist. Sie schwärmen von dem blauen Himmel und dem "grellen" Licht. Wir können nicht nachvollziehen, was sie meinen. Auf dem Weg zum Parkplatz beobachten wir weiter das Geschehen an den drei Sprungschanzen, sie ziehen uns irgendwie magisch an. Zu unserer Freude trainieren auf den beiden "kleineren" Schanzen auch noch eifrig Athleten, evtl. sogar finnische Nationalspringer.

Vor der Anlage fällt uns dann ein Fernsehteam auf, das einen schlaksigen Mittdreißiger mit Pferdeschwanz filmt und interviewt. Als wir vorbeigehen, erkenne ich ihn sofort: es ist Janne Ahonen, der frühere Weltklassespringer, der u.a. 5x die Vier-Schanzen-Tournee gewonnen hat. Natürlich wird auch er geknipst.

Nach diesem kurzweiligen Intermezzo setzen wir unsere Fahrt fort. Sie führt uns vorbei an nicht enden wollenden Seen und Wäldern und mindestens genau so vielen Hinweistafeln, die vor kreuzenden Elchen warnen. Allein, es fehlen die Elche, von denen wir noch keinen zu Gesicht bekommen haben. Dafür sehen wir regelmäßig "Starenkästen". Diese Blitzerautomaten sorgen dafür, dass die Finnen und ihre Besucher auch nie die erlaubten 80 oder 100 km/h überschreiten. Raser sind uns jedenfalls nicht begegnet, es war ein angenehmes, entspanntes Fahren in Finnland. Über Jyvaskylä erreichen wir schließlich Kuopio, eine weitere Hochburg des Wintersports. Schon von Weitem grüßt uns der Puijo-Hügel mit seinem imposanten gleichnamigen Turm, der 75m in die Höhe ragt und großartige Aussichten auf Kuopio und seine Umgebung bietet. Die Stadt selbst hat 90.000 Einwohner und ist damit die achtgrößte Finnlands.

Die Aufzugfahrt zum Drehrestaurant kostet auch hier 5,00 Euro, gut angelegtes Geld, denn der Rundumblick von dort oben sucht wirklich seinesgleichen. Unzählige bewaldete Inselchen liegen wie ein Blätterkranz zu unseren Füßen. Atemberaubend. Wir stärken uns mit einem Stück Apfelkuchen und einer Tasse Kaffee für 3,80 Euro. Anschließend machen wir noch einen Abstecher zum schmucklosen Dom von Kuopio, ehe wir die letzten ca. 90km in Angriff nehmen.

Heute übernachten wir auf dem Campingplatz "Lohirannan Lomakylä", der ca. 20km nördlich von Iisalmi in Sukeva liegt. Der erste Eindruck ist sehr gut, zumal das Gelände landschaftlich reizvoll ist. Doch bei näherem Betrachten wirkt der Platz doch recht ungepflegt. Das Gras ist noch nicht gemäht, vor unserer Hütte wuchert das Unkraut und es riecht nach Fäkalien. Alles in allem eine ziemlich unappetitliche Angelegenheit. Immerhin haben wir heute ein großes Bett und ich muss nicht nach oben kraxeln. Aber leider ist die Heizung defekt, so dass erstmals unser Heizgerät zum Einsatz kommt. Zum Glück haben wir daran noch gedacht.

Donnerstag, 18. Juni 2009

Tagesziel: Saarenkylä bei Rovaniemi, gefahrene Kilometer: 480, Übernachtung auf dem Campingplatz "Napapiirin Saarituvat", Preis: 58,00 Euro

 

 

 

 

66° 30′ 0″ N, 25° 43′ 0″ - das sind die Koordinaten für den nördlichen Polarkreis bei Rovaniemi, dem Hauptziel unserer heutigen Fahrt. Ich wollte unbedingt mit beiden Beinen nicht nur auf dem meist harten Boden der Realität stehen, sondern auch einmal mitten auf dem Polarkreis. Wobei, vor Ort angekommen, habe ich mir dann doch die Frage gestellt, ob das die anderen Besucher auch so sehen oder ob nicht doch etwas völlig anderes in den Mittelpunkt des Interesses rückt: der Santa Claus Park!

Am Polarkreis geht, wie am Nordkap natürlich auch, am Tag der Sommersonnenwende die Sonne nicht unter. Auch deshalb ist ein Besuch am "Arctic Circle" etwas Besonderes. In Rovaniemi hat darüber hinaus der Weihnachtsmann, glaubt man der Legende, seinen Wohnsitz. Diese Legende besagt, dass der Weihnachtsmann im Berg Korvanturi im Norden Finnlands wohnt. Dieser Berg nahe an der russischen Grenze liegt jedoch, touristisch gesehen, nicht gerade günstig, so dass man kurzerhand Rovaniemi zum zweiten Wohnsitz des Weihnachtsmannes erklärt hat. Dass sich hier auch noch der Polarkreis befindet, ist ein Segen für die Stadt und für die Touristen, können sie doch gleich alles "in einem Abwasch" erledigen. Auch wenn sich die Lage des tatsächlichen Polarkreises aufgrund der periodischen Schwankungen der Erdachse geringfügig verändert, können wir behaupten, am 18. Juni 2009 auf dem Polarkreis gestanden zu haben.

Tja, da stand ich nun, hinter mir das Haus des Weihnachtsmannes und überraschend wenig Menschen. Dabei kann einem Hören und Sehen vergehen, wenn man den Parkplatz im Santa Claus Village sieht. Dafür bräuchte man ein eigenes Golfcar, so groß ist der. Ich ahne, was da im Winter los ist. Einen Vorgeschmack sehen wir in den diversen Giftshops, die ebenso unvermeidlich sind wie das Weihnachtsmannpostamt.

Es gehörte schon eine gehörige Portion Selbstdisziplin dazu, um nicht einen Rucksack von Elchen oder Huskys zu kaufen. Sie sind einfach zu knuddelig, finden Sie nicht? Aber man kann den Lieben daheim auch ein paar nette Zeilen zu Weihnachten schreiben, die dann natürlich termingerecht zum Weihnachtsfest ausgeliefert werden. Die Weihnachtsmaschinerie läuft hier auch im Sommer auf Hochtouren.

Der Höhepunkt war freilich unsere Audienz, nein, nicht beim Papst, der sitzt bekanntlich in Rom, sondern beim Weihnachtsmann höchstselbst. Sie glauben es nicht? Bitteschön, hier ist der Beweis:

So ein Weihnachtsmann ist natürlich mehrsprachig, schließlich kommen ja Gäste aus aller Welt, um mit ihm zu plaudern. Für uns hat er sich allerdings besonders viel Zeit genommen (etwa 15 Minuten), weil wir die einzigen Gäste waren. Beinahe unglaublich! Als er hörte, dass wir aus Bayern kommen, wusste er sofort etwas zum Oktoberfest zu berichten. Dabei sah er mich durchdringend an und bat mich um ein Trinklied, das man gemeinhin in diesen Biertempeln von sich gibt. Da mir auf die Schnelle nichts Rechtes einfallen wollte, beließ ich es bei der Refrainzeile von "In München steht ein Hofbräuhaus"! Jeder macht sich eben so gut zum Affen wie er kann. Aber wenn schon, dann am liebsten für den Weihnachtsmann. Und weil wir gerade in Geberlaune waren, kauften wir natürlich das große, schicke Foto, das noch in ein Polarkreis-Passepartout gesteckt wurde, für schlappe 29,00 Euro. Wahrlich kein Pappenstiel. Ein Video wurde auch noch von meiner Gesangseinlage gedreht, aber weitere 29,00 Euro für mein nicht vorhandenes Talent auszugeben, erschien uns denn doch des Guten zu viel.

Wir verließen diesen wundersamen Ort, an dem wir viel Spaß hatten, jedoch nicht, ohne ein paar Souvenirs zu kaufen. Eine Elchdecke hatte es Sonja angetan und ein paar Knuddelelche für unsere (erwachsenen) Kinder packten wir ebenfalls noch in unseren ganz persönlichen Geschenksack. Wer Rovaniemi hört, denkt unwillkürlich auch an Wintersport. Die Sprungschanzen haben wir uns deshalb natürlich auch aus der Nähe angesehen, aber so ganz ohne Schnee wirkten sie doch etwas trist. Die Anlage ist auch nicht mit jener von Lahti zu vergleichen, das sind völlig andere Dimensionen.

Nach der anstrengenden Shopping-Tour wollten wir schnellstmöglich zu unserem heutigen Quartier aufbrechen, dem Campingplatz "Naapapirin Saarituvat". Der Platz, herrlich am Kemijoki gelegen, bot jeden erdenklichen Komfort. Die Hütte selbst war absolut spitzenmäßig ausgestattet. Das tolle Equipment wollten wir nutzen, um zu kochen. Ich begab mich auf schwieriges Terrain und wagte mich an "Miracoli". Als mich Sonja nach der Gewürzmischung für die Soße fragt, nicke ich eifrig. Irgendwie muss ich aber etwas verwechselt haben, denn die Gewürzmischung ist eben nicht schon im Tomatenmark enthalten, sondern in einer eigenen kleinen Tüte Die entdecke ich allerdings erst, als wir mit dem Dinner fertig sind. Geschmeckt hat es trotzdem. Zum Dessert gab es Eindrücke von Urlaubern, die mit "Rotel Tours" reisten. Wir unterhalten uns mit einem Ehepaar, das auf diese Art schon die ganze Welt bereist hat. Interessant, aber nach diesen Informationen wissen wir, was wir auf jeden Fall nie machen werden: Eine Reise im Sarg! Zumindest nicht früher als es unbedingt sein muss.

Auf dem Bild sieht man wie bei einer Außentemperatur von ca. 7 Grad die Klamotten für die nächsten zwei oder drei Tage aus den Koffern gekramt werden. Wir frieren in dieser Nacht jedenfalls nicht, denn in dieser Hütte ist wirklich alles vom Feinsten, sogar beheizte Handtuchhalter sind hier montiert und im Bad gab's Fußbodenheizung. Klasse!

Freitag, 19. Juni 2009

Tagesziel: Inari, gefahrene Kilometer: 366, Übernachtung auf dem Campingplatz "Lomakylä Jokitormä", Preis: 33,00 Euro

 

 

 

 

Als wir aufstehen, verlässt die Truppe von "Rotel Tours" gerade den Platz. Nur die Harten kommen in den Garten! Im Laufe des heutigen Tages sollten wir sie noch zweimal treffen. Als wir uns von der Chefin des Campingplatzes verabschieden, erzählt sie uns noch, dass in den vergangenen 18 Monaten sehr viel Geld in den Platz investiert wurde und man sukzessive dabei wäre, das fortzuführen. Wir waren jedenfalls begeistert und fuhren wirklich nur schweren Herzens weiter.

Weil es uns am Vortag so gut gefallen hat (wir sind eben hoffnungslose Romantiker!), beschließen wir kurzerhand, noch einen Zwischenstopp im Santa Claus Park einzulegen. Um dorthin zu gelangen, müssen wir durch die Stadt fahren. Rovaniemi gleicht um diese Zeit, da war es immerhin schon 9.00 Uhr (!), einer Geisterstadt.

Beinahe beängstigend dieser Anblick: keine Autos, keine Menschen, nichts. Entsprechend wenig Leute waren auch im Santa Claus Park.Überhaupt nahm der Verkehr ab Rovaniemi doch spürbar ab. Offensichtlich machen sich doch nicht so viele Touristen auf die lange Reise zum Nordkap wie angenommen.

Kurz nach Sodankylä (herrlich diese finnische Sprache!) ruft meine Beifahrerin plötzlich: "Da sind sie!" Ich werfe noch einen Blick in den Rückspiegel und sehe den blauen Hyundai mit österreichischem Kennzeichen einer Bekannten aus dem Kreuzfahrtforum. Kurz vor unserer Abreise hatten wir uns noch über Email verständigt, dabei hatte ich erfahren, dass sie mit ihrer Familie zunächst mit einem Hurtigruten-Schiff nach Kirkenes und dann über die finnische Route gen Süden fährt. Für den 19. Juni hatten wir uns in der Tat lose verabredet. Ich konnte mir aber nicht ernsthaft vorstellen, dass wir uns tatsächlich treffen würden. 3.000 Kilometer fern der Heimat. Unglaublich, oder? Da ich leider nicht sofort wenden konnte, verloren wir den Hyundai schnell aus den Augen. Schade, das wäre sicher eine spannende Erfahrung geworden.

Der Himmel ist unverändert grau, es hat 7 Grad und wir treffen Menschen, die uns erzählen, dass dies der mieseste Juni seit 60 (!) Jahren wäre, andere sprechen von immerhin 30 Jahren. In einem Cafe, wo wir uns Waffeln gönnen (was auch sonst!), meint eine Verkäuferin, dass es im Vorjahr noch schlechter gewesen wäre. Es ist eben alles relativ und wir haben uns mittlerweile auch mit dem Wetter arrangiert. Ändern können wir es ohnehin nicht!

Wir nähern uns dem Inari-See, mit 1.085 qkm der zweitgrößte See Finnlands. Von oben erinnert er an die verschlungenen Flusslandschaften des Amazonas: ein schier endloses grünes Wäldermeer, durchzogen mit dunklen Wasseradern. Ein herrliches Bild. Einige Kilometer vor Inari folgen wir einer Hinweistafel, die zu einem "Scenic-View" führt. 20% Steigung! Der Meriva ächzt bockig, aber ich rede ihm gut zu und er zuckelt brav nach oben. Dort, auf ca. 400m Seehöhe, werden wir in bestem Deutsch begrüßt und gleich um 10,00 Euro Eintrittsgeld (für zwei Personen) erleichtert. Die "Historie der finnischen Fischerei" entpuppt sich als unmotivierte Ansammlung verrotteter Schiffsmotoren und ähnlichem. Im unvermeidlichen Souvenirshop gibt es dann endlich den versprochenen "Scenic View". Der Ausblick war zwar schön, aber eindeutig zu teuer. Lehrgeld ist eben immer mal drin.

Aber mal ehrlich. Schön ist es doch, oder? Von hier ist es auch nicht mehr weit zum Nordkap. Wir können es schon fast riechen.

Im "Sami"-Museum von Inari (Eintritt 8,00 Euro) treffen wir wieder auf die "Rotelaner", diesmal ist jedoch keine Zeit für ein Gespräch. Das war einige Kilometer zuvor noch anders, als sich unsere Wege schon einmal kreuzten. Wir erfahren, dass man Urlaube mit "Rotel Tours" entweder liebt oder hasst, ein Zwischendrin gibt es nicht. Wir entschieden uns bereits am Vortag für Zweiteres. Wer schläft schon gerne in einem sargähnlichen Teil?

Um 18.00 Uhr kommen wir auf dem nächsten Camping-Platz an: Lomakylä Jokitormä. Er befindet sich 27km nördlich von Inari. Hier kreuzen sich alle Hauptstraßen des nördlichen Lapplands und der Preis ist mit 33,00 Euro sensationell günstig. Die Heizung funktioniert prima und eine Kochplatte ist ebenfalls vorhanden. Ich koche wieder italienisch, heute gibt es vorzügliche Ravioli. Das Nordkap ist nur noch 350 km entfernt. Die Atmospähre auf dem Camping-Areal ist ganz merkwürdig. Es ist absolut ruhig, die Stille ist förmlich zu hören. Der Wind spielt ab und an mit den Blättern, Menschen gehen schweigend in die Gemeinschaftsküche oder zu den Duschen. Vielleicht ist es der Respekt vor der Natur, die so weit oben besonders hart ist. Vielleicht ist es auch eine seltsame, schweigende Übereinkunft, gemeinsam etwas Demut zu zeigen. Die Platzbetreiber, mit denen ich mich kurz unterhalte, erzählen, dass sie das Gelände schon vom Vater übernommen hätten, der neben vielen anderen Talenten über eine besondere Begabung verfügte: er konnte aus Holz die tollsten Sachen zimmern. Beispiele gefällig?

Je weiter wir nach Norden kommen, um so besser schlafen wir. An den neuen Lebensrhythmus haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Die Handgriffe sitzen und wir freuen uns auf die Erfahrungen der kommenden Tage. Es bleibt auf alle Fälle spannend.

Samstag, 20 Juni 2009

Tagesziel: Skarsvag (Norwegen), gefahrene Kilometer: 355, Übernachtung im Mini-Motellet in Skarsvag, Preis: 123,00 € für zwei Nächte

 

 

 

 

Nach nur einer Nacht müssen wir den idyllischen Platz in Kaamanen leider schon wieder verlassen. Auf einer solchen Reise bleibt wenig Zeit, zurück zu schauen. Es geht immer nur weiter, nach Norden. Das Nordkap ist nicht mehr weit.

Kurz vor der norwegischen Grenze in Karigasniemi tanken wir noch einmal voll. Der Liter Super-Benzin kostet hier 1,40 Euro. Angst, dass man mit leerem Tank stehen bleiben könnte, muss niemand haben. Entsprechende Warnungen in anderen Reiseberichten fand ich übertrieben. Das Tankstellennetz ist im Gegenteil als engmaschig zu bezeichnen, besonders die großen Rastplätze erinnern an amerikanische Highways, wo "alles in einer Hand" ist, also Benzin, Essen (auch Fastfood und Supermarkt) und Unterkunft.

Gleich nach der Grenze, in Karasjok, fahren wir zur Touristinfo und gönnen uns umgehend eine Waffel mit Marmelade und einer Tasse Kaffee. Die ersten norwegischen Kronen (90 NKr) wechseln damit den Besitzer. Hier sind die Preise noch einigermaßen übersichtlich, der Spaß hat etwa 10 Euro gekostet. Und noch etwas haben wir bekommen: 1 Stunde Zeit, denn in Norwegen gehen die Uhren bekanntlich anders (das ist ähnlich wie in Bayern!).

Die Gegend wird nun deutlich rauer, der Wind nimmt zu und irgendwann setzt dann auch Regen ein, der die Windschutzscheibe manchmal nur streichelt, der mitunter aber auch zu einem keulenartigen Schlag ausholt und den ganzen Wagen ordentlich durchrüttelt. Die Vegetation beschränkt sich jetzt auf Moose und Flechten, die zur Ernährung der Rentiere, die uns jetzt begegnen, ausreichen. Nach Lakselv, wo der Porsanger-Fjord beginnt, wird es dann so richtig ungemütlich. Das Display verweist auf "Gefahr von Glatteis" - wir haben nur noch 3 Grad! Brrrr! Das hindert aber Dutzende von Läufern nicht, ihren unsinnigen Wettkampf auszutragen. Ich bitte die schlechte Bildqualität zu entschuldigen, aber durch die Windschutzscheibe lässt es sich leider nicht so gut fotografieren. Jedenfalls kann man gut erkennen, wie "gut" diese Sportler ausgerüstet sind. Nämlich gar nicht!

Sie begleiten uns bis kurz vor dem Nordkap-Tunnel. Manche haben noch nicht einmal eine lange Hose an, andere laufen oder gehen ohne Mütze und das bei teils peitschenden Winden. Gesund kann das, was diese Leute hier treiben, sicher nicht sein. Da ist unser Waffelkonsum eher geeignet, den Gesundheitsfonds zu entlasten. Ersterer streichelt immerhin die Seele. Selbst ohne Grenze würde man übrigens sofort merken, dass man nicht mehr in Finnland ist. Nicht nur an den Straßenmarkierungen. Hier wirkt alles freundlicher, geordneter. Der Wohlstand, der in Norwegen mittlerweile auch im Nordland vorherrscht (der Ölindustrie sei Dank), ist hier unverkennbar.

Für uns Touristen natürlich besonders schön: die vielen reizvollen Buchten und Minibuchten mit den typischen roten "Rorbu", früher Fischer-, heute Ferienhütten. Und zwischendurch, wie bestellt, die eigens engagierten "Touristen"-Samen, die ihre überdimensionalen Zelte natürlich so aufgestellt haben, dass man zwangsläufig daran vorbeifahren muss. Wir verzichten auf den Besuch ihres Souvenirshops und fahren weiter.

Aber schön sind diese Zelte natürlich doch. Jetzt sind wir endgültig angekommen, in dieser Anders-Welt, von der wir über Monate nur gelesen haben. Wir sind jetzt Teil der Verlangsamung, des "Sich-Zurücknehmens", des "Zu-sich-selbst-Findens". Auch wenn man nicht schnell unterwegs ist, sollte man als Fahranfänger nicht unbedingt gleich eine Reise nach Norwegen starten. Die Straßen sind zum Teil sehr schmal, man fährt oft direkt am Wasser entlang und die Winde sind ebenfalls nicht zu unterschätzen.

Bei Kafjord fahren wir durch den fast 7 km langen Nordkap-Tunnel. Vorher löhnen wir allerdings erst einmal 195 Norwegische Kronen (damaliger Kurs etwa 21,85 Euro) für einen Pkw und zwei Personen.

Etwas gespenstisch ist die Fahrt durch den Tunnel schon (immerhin sind wir hier 212 Meter unter dem Meer). Erst geht es ständig bergab, ab exakt der Mitte dann wieder bergauf. Die Beleuchtung ist ziemlich mäßig bis funzelig und außer uns fährt kein Sch.. äh Mensch in diese Richtung. Dann sind wir endlich in Honningsvag auf der Insel Mageroya angekommen, für die meisten Touristen die letzte Zwischenstation auf der langen Reise zum Nordkap. Entsprechend groß ist hier der Rummel. Im Hafen liegt die "Midnatsol", ein Schiff der Hurtigrute und wartet auf neue Passagiere. Und dann machen wir die erste Bekanntschaft mit einem dieser allgegenwärtigen Trolle.

Bevor wir die restlichen Kilometer nach Skarsvag, übrigens das nördlichste Fischerdorf der Welt, angehen, kaufen wir in einem Supermarkt eine Salatgurke zum Abendessen für gepfefferte 2,30 Euro. Ein erster Vorgeschmack auf die Preise in Norwegen. Derart gut gerüstet legen sich die letzten paar Kilometer doch gleich viel beschwingter zurück. Und herzlich empfangen werden wir in dem Ort, in dem wir die kommenden zwei Nächte verbringen, auch noch:

In diesem Mini-Ort, der sicher nur 100 oder 200 Einwohner hat, gibt es auch unterkunftsmäßig nur etwas Kleines, eben das Mini-Motellet.

Dieses wirklich putzige Hotelchen bietet für vergleichsweise wenig Geld (nur etwa 62 Euro pro Nacht für 2 Personen) fast schon Luxus, vor allem eine Dusche und WC, sowie eine kleine Küche. Großartig. Es liegt an einem kleinen See, aber der tosende Sturm ist nicht dazu angetan, Urlaubsstimmung aufkommen zu lassen. Wir beziehen unser Zimmer, das eigentlich eine kleine Wohnung ist und genießen nach zwei Tagen wieder eine "eigene" Dusche. Dann gibt's Abendessen. Wieder italienisch. Wir lieben die mediterrane Küche einfach über alles: Spaghetti und Gurkensalat. Köstlich!

Trotz der nicht sehr einladenden Witterungsverhältnisse beschließen wir, die letzten 13km zum nördlichsten Punkt Europas zu fahren. Die Straße zum vorläufigen Endpunkt unserer Reise ist schmal, führt stetig leicht bergan und manchmal habe ich den Eindruck, dass das schwarze Asphaltband verdächtig schimmert. Glatteis! Diesen Gedanken behalte ich jedoch für mich, ich möchte Sonja nicht mehr beunruhigen als unbedingt nötig. Schließlich taucht aus der Nebelsuppe, die mittlerweile für uns angesetzt wurde, der "Abzockbereich für Touristen" auf, oder einfacher ausgedrückt: das Kassenhäuschen! Die nächsten 430 Kronen (etwa 50 Euro) sind fällig. Die Karte gilt jedoch 48 Stunden und wir sind fest entschlossen, die Zeit auch zu nutzen. Aber wir sollten trotzdem zurückhaltend sein mit verärgerten Zwischenrufen, immerhin kassieren sie in Norwegen nur so lange, bis die Baukosten beglichen sind. Unbestätigten Meldungen zufolge soll das etwa im Jahr 2010 so weit sein!

Normalerweise tummeln sich in der in den Felsen gesprengten Nordkaphalle ganze Touristen-Invasionen. Auf sie alle wartet die volle "Nordkap-Dröhnung" mit Souvenirständen, Coffee-Shop, Restaurants, Kapelle, kleinem Museum. Nicht zu vergessen natürlich der schmiedeeiserne Globus. Heute ist es eher ruhig bis gespenstisch still. Wir nutzen die Gunst der Stunde und steigen die drei Stufen zum Verheißung versprechenden Globus hoch bei gefühlten 30 Grad minus, machen Fotos und filmen. Den Auslöser der Kamera kann ich nur noch erahnen, die Finger spüre ich längst nicht mehr. Es ist wirklich eiskalt! Schon verrückt, weshalb die Menschen, Lemmingen gleich, scharenweise diesen 307m hohen Schieferfelsen stürmen, obwohl der nördlichste Punkt Europas eigentlich "Knivskjelodden" heißt und seinen ebenfalls eisigen Standort ein paar Kilometer weiter nördlich auf derselben Insel hat und außerdem nur zu Fuß zu erreichen ist.

Das interessiert aber keinen. Schon gar nicht, nachdem man sich den leider nur 15 Minuten dauernden Film über das Nordkap angesehen hat, der im Ein-Stunden-Rhythmus gezeigt wird und auf einer dreigeteilten Riesenleinwand unter teils donnernden, teils lieblichen Musikklängen grandiose Bilder einer eiskalten Welt in ein warmes Kino zaubert. Da unverändert keine Hoffnung auf Sonne besteht, kehren wir gegen 22.00 Uhr zurück nach Skarsvag. Aber so schnell geben wir nicht auf. Uns bleiben immerhin noch weitere 24 Stunden, um einen kurzen Moment der Glückseligkeit zu erhaschen: die am Horizont entlang wandernde Sonne, die im Sommer niemals untergeht. Sicherheitshalber haben wir schon mal ein paar Postkarten gekauft, falls es mit den Live-Bildern nicht klappen sollte.

Sonntag, 21. Juni 2009

Heute schlafen wir aus. Die Zeit drängt ja nicht, zumal das Wetter unverändert stürmisch ist und blaue Aufhellungen nicht in Sicht sind. Wir organisieren unsere Koffer neu, denn das Gepäck im Trolley sollte wieder für die nächsten vier, fünf Tage reichen. Außerdem haben wir keine Lust, die Klamotten ständig ein- und auszuräumen.

Am frühen Nachmittag gegen 15.00 Uhr starten wir dann unseren nächsten Versuch. Heute ist noch weniger los als gestern, wir können mit dem Wagen sogar bis unmittelbar zum Eingang der Nordkaphalle fahren. War der Wind in Skarsvag schon ziemlich heftig, bläst er am Nordkap vermutlich in Orkanstärke. Wir stemmen uns mit aller Macht gegen den Wind, um kein Spielball seiner Kraft zu werden. An Fotografieren ist so nicht zu denken. Trotzdem kämpfe ich mich wieder zur Weltkugel nach vorne. Sie gehört mir (fast) ganz allein. Bei schönem Wetter kann sich schließlich jeder hinstellen!

 

Dann sehen wir uns den Nordkap-Film zum zweiten Mal an, er ist immer noch sehr schön. Auch das Kino verteidigen wir locker gegen die Menschenmassen ... ist keiner da!

 

Dann kommt Bewegung in die Nordkaphalle. Die Costa Luminosa, das neue Flaggschiff von Costa hat eine Ladung Passagiere ausgespuckt, die fallen wie ein Schwarm Heuschrecken über diesen ansonsten so beschaulichen Landstrich her. Mit der Ruhe ist es erst einmal vorbei. Wir kaufen (das raten Sie nie!) ... eine Nordkap-Waffel mit Marmelade und eine Tasse heiße Schokolade. Das tut der Seele gut! Wir kommen mit einem Salzburger Ehepaar ins Gespräch, das Gast auf der Luminosa ist. Für ein paar Minuten lassen wir uns von einer anderen Welt vorschwärmen. Dann zieht uns der stählerne Globus wieder in seinen Bann. Die per SMS aus Deutschland angeforderten Wetternews lassen keinen Zweifel aufkommen: die Sonne hält uns auch weiterhin zum Narren!

Trotzdem geben wir nicht auf, wir gehen ein drittes Mal ins Kino. Dann schlendern wir zum x-ten Mal durch den Souvenirshop und schließlich, nach 19.00 Uhr, streichen wir die Segel und fahren zurück nach Skarsvag. Die Erinnerungen aber an den Felsen nehmen wir mit. Während der Rückfahrt kommen wir auch am Parkplatz vorbei, an dem der Wanderweg zu Europas nördlichstem Punkt (71° 11' 08''), dem Knivskjelodden, beginnt. "Den heben wir uns für nächstes Jahr auf!" sage ich zu Sonja und zwinkere ihr zu. Das Kapitel "Nordkap" ist damit zu Ende. In dieser Nacht lauschen wir wieder den Melodien der Nordkap-Winde und genießen den Komfort unserer kleinen, aber beinahe luxuriösen Wohnung im Mini-Motelett. Hier haben wir uns wirklich wohl gefühlt. Der Ausblick aus dem Schlafzimmer war einfach grandios. Oder wie würden Sie es finden, wenn ein Rentier zum Greifen nah an Ihrem Fenster vorbei spazieren würde?

 Trotz der Totalverweigerung der Sonne, trotz der stürmischen Winde und der Kälte, haben wir uns am nördlichsten Punkt Europas nicht gelangweilt. Und bereut hatten wir die Reise bis zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht. Natürlich haderten wir immer mal wieder wegen der Wetterkapriolen, aber obwohl wir erst ein Drittel der eingeplanten Zeit hinter uns hatten, war mein Tagebuch bis dahin schon ziemlich voll geschrieben. Ein Indiz, dass wir viel erlebt und gesehen haben. Das lässt manchen Regenschauer in einem anderen Licht erscheinen. Vielleicht haben wir uns schon gefangen nehmen lassen vom Zauber der Trolle, Elfen und Feen. Eines ist jedenfalls sicher: die schönsten Trolle gab es am Nordkap. Eine kleine Auswahl gibt es hier:

Mit diesen Bildern im Kopf verlassen wir Skarsvag und den Norden dieses faszinierenden Teils von Norwegen. Ab sofort bewegen wir uns wieder Richtung Süden. Ist das etwa gleichbedeutend mit Sonne? Bekommen wir am Ende doch noch blauen Himmel? Wenn Sie diese Frage ebenfalls interessiert, dann begleiten Sie uns auf unserem Weg, der uns jetzt u.a. auf die Lofoten führt.

 

Start

Reisebericht

Teil I Rostock-Helsinki

Teil III - über Alta nach Tromsö